Kapitel 19

Das Abendessen in der Trattoria

Der europäischen Pünktlichkeitskultur entsprechend kam die Mannschaft der Blauzahn in der Trattoria an. Lars, Jan, John und Greg waren fünf Minuten vor 20.00 Uhr dort, dann folgten Otto, Wilhelm, Pet und Gerrit Punkt 20.00 Uhr und die Brüder Jose und Alberto zehn Minuten später. Marc traf um 20.15 Uhr ein. Trevor war sicherheitshalber auf der Blauzahn geblieben. Er hatte am Nachmittag genug Gelegenheit gehabt, den Hafen und Pier kennen zu lernen, zu benetzen und damit als sein Revier zu markieren.

Die Herren wurden vom Hafenmeister, der Vorsitzenden des örtliches Fremden- verkehrsvereins, acht Journalistinnen und Journalisten, dem Parteivorsitzenden der Democrazia Cristiana und einem kirchlichen Vertreter begrüßt. Ein hochrangiger Polizeioffizier hatte sich auch angesagt, würde sich aber nach Auskunft des Hafenmeisters etwas verspäten. Dass sie von hochrangigen örtliches Honoratioren erwartet wurden, irritierten die Gäste doch etwas, aber man war inzwischen ja einiges gewohnt. Nach Wind, Wetter, Wellen und Verfolgungsjagden war das eher eine kleinere Herausforderung für die Nordstrandpiraten. 

Jedes Mannschaftsmitglied bekam seinen Platz zugewiesen. Lars zum Beispiel saß zwischen dem Hafenmeister und dem Parteivorsitzenden der DC. Pet zwischen der Vorsitzenden des Fremdenverkehrsvereins und einem Journalisten, neben dem Journalisten saß Otto und neben ihm saß dann der kirchliche Vertreter und - was für eine Überraschung - neben diesem kam Greg zu sitzen. Die Aufteilung bei Pet und Otto passte nun mal gar nicht. Pet hatte keine besonders große Hochachtung vor Journalisten. "Wahrheitsverdrehende, dem Trend gehorchende Auflagenpuscher" nannte er sie oft, wenn er beim Zeitung lesen in Rage kam. Und Otto, der ja auf der Blauzahn zum Pressesprecher ernannt worden war, saß dann noch neben dem kirchlichen Vertreter. Er, der Naturwissenschaftler und die Kirche. Passte das? Oder war die Sitzordnung so gedacht, dass jeweils der neben ihnen rechts Sitzende der Gesprächspartner sein sollte?

Im Laufe des Abends stellte sich heraus, dass genau das der Plan der Gastgeber war. Marc 's Gesprächspartner war ein Journalist, der für einen Kochbuchverlag tätig war. Er war dabei, Rezepte für das Kochen auf Hoher See zu sammeln. Titel des Buches: "Kochen bei Windstärke 6".  Marc wünschte ihm, dass dieses Buch dann auch seine von der Seekrankheit befreiten Leser finden würde.

Spätestens nach dem dritten Aperitif und der Fischsuppe wurden die Gespräche entspannter und lockerer. Während das Essen mit seinen unterschiedlichen Speisefolgen alles umrahmte, bildeten sich Gesprächsgruppen von drei oder noch mehr Personen. Lars hatte das Vergnügen, sich mit dem Hafenmeister und einer teilweise aufdringlichen Journalistin zu unterhalten. Durch die teilweise fast schon körperliche Aufdringlichkeit dieser Pressevertreterin verlor Lars einige Male seine höfliche Distanziertheit. Ein paar Mal musste er die Journalistin bitten, doch etwas mehr Abstand von ihm zu halten. Wilhelm und Gerrit waren in ein wohl humorvolles Gespräch mit dem inzwischen eingetroffenen Polizeivertreter und dem Parteimann vertieft. Immer wieder war aus ihrer Ecke lauten Lachen zu vernehmen.

Pet  und Otto sprachen mit der Dame vom Fremdenverkehrsamt, dem Journalisten neben Otto und einer Journalistin gegenüber von Pet. Vor allem die Fremdenverkehrsdame interessierte sich brennend für die Gründe, warum Männer in diesem Alter sich freiwillig den Beschwernissen dieser Art von Weltreise unterwerfen. Otto meinte, diese Frage müsse jeder individuell für sich beantworten. Es gäbe hier keine allgemeingültige Erklärung. Aber man sei sich inzwischen sicher, dass jeder von ihnen die Gründe hierfür bereits ein oder zwei Mal neu definiert habe. Das was jeden dazu bewegt hatte, auf der Blauzahn anzuheuern, hätte sich nun im Laufe der Reise sicher verändert.

Da legte die Fremdenverkehrsdame ihre Hand auf Pet´s Arm und bat ihn, seine ganz persönlichen Beweggründe zu nennen, warum er dieses Abenteuer eingegangen sei. Der Druck von ihrer Hand und ihr Blick ließ keine Zweifel aufkommen, dass sie von ihm diese persönliche Erklärung haben wollte. Und zwar genau jetzt.

Pet musste einige Zeit überlegen, wie man eine doch sehr persönliche Frage einer eher unbekannten Frau beantworten konnte. Dann legte er los und schien auch Spaß daran zu finden, wie seine entspannte Miene verriet.

Dafür gibt es sicher unterschiedliche Überlegungen, die dazu geführt haben, dass ich hier mit dabei bin. Erstens war das nicht die Idee, die einer von uns hatte. Wir wurden im Auftrage eines uns nicht bekannten Sponsors von einem Anwalt gefragt, ob wir an so einer Tour teilnehmen wollten. Männer, über sechzig Jahre alt, die aus dem Berufsleben ausgestiegen sind. Um genau dieser Frage nachzugehen, zu was sind sie noch fähig sind, was sie noch leisten können und was sie leisten wollen. Das war die Idee. Und vor allem, was würden sie empfinden, wenn sie diese Herausforderung annehmen und sie dann meistern?

Aber was hat mich jetzt persönlich dazu gebracht hat, an diesem Altherren-Abenteuer teilzunehmen, das war doch ihre Frage.

Also..." Pet holte tief Luft, grinste in sich hinein, nahm noch einen Schluck von diesem tiefroten Rotwein, einem wundervoll mundender Primitivo, der die Zunge offensichtlich gut lockern konnte und fuhr fort:

"Wenn ich meinen Stammbaum betrachte, dann sehe ich, dass einige meiner Vorfahren -väterlicherseits - schon Seeleute waren. Es liegen nur vier Generationen dazwischen. Erst mein Urgroßvater hat aufgehört, zur See zu fahren. Irgendwie Evolution. Erst Fisch, dann Hybrid, dann Landtier und dann zurück ins oder jetzt besser aufs Wasser." Pet grinste.

"Einige meiner seefahrenden Vorfahren sind abrupt verstorben. Das war sicher im 18. oder 19. Jahrhundert nichts Außergewöhnliches. Denn normalerweise sind die Menschen damals entweder verhungert, an Krankheiten gestorben oder durch gewalttätige Auseinandersetzungen umgekommen. So alt wie ich heute schon bin, sind die Menschen im 18. oder auch 19. Jahrhundert sehr selten geworden. Ein Teil dieser Vorfahren väterlicherseits sind ab und zu an Hanfvergiftungen gestorben." Die Journalistin schaute ihn fragend an. "Man lässt sich auch keine geflochtenes Hanf um den Hals legen. Das kann nur schief gehen." meinte Pet. "Und so kam es eben des öfteren zum Tod durch juristischen Fremdeinfluss." Die Journalistin schaute ihn wieder fragend an. "Aufgehängt wegen Piraterie" meinte Pet und grinste. Er schien wirklich Spaß bei dieser Erzählung zu finden und fuhr fort: 

"Ja und dieses alte Piraten-Gen scheint noch in mir zu brodeln. Moderner Pirat sein, aber mit Stil!"

Die anderen Gespräche verstummten eins ums andere und Pet bekam eine immer größere Zuhörerschaft.

"Aber in mir hausen nicht nur väterlichen Genen. Meine Mutter scheint bei der Vergabe der Erbgüter stark vertreten zu sein. Alter verarmter französischer Adel, vermischt mit Pfälzer Bürgertum. Ich finde in den Analen der Familie entweder Offiziere oder Winzer. Der Winzer ist da in mir etwas stärker vertreten. Und dann gibt es da noch den französische Adel in mir." Am Tisch war inzwischen jedes Gespräch verstummt.

"Der Guillotine gerade entronnen hat sich die Familie, genannt La Famile, sehr schnell wieder in Positionen gebracht, die es ihr erlaubten, sich in der Napoleonischen Zeit und auch danach immer im gesellschaftlichen Mittelfeld oder auch in der zweiten oder dritten Reihe der Staatsführungen zu etablieren. Und eines sollen sie alle gewesen sein, diese Offiziere sowie die Winzer. Verdammt charmant, Franzosen halt." Pet lächelte.

"Und was fängt man mit so einem Gen-Mix nun an?" fragte die Fremdenverkehrsmanagerin, die sich inzwischen als Julia Piro vorgestellt hatte.

"Na ja" meinte Pet. "Der Aufrührer, der Pirat, der Revoluzzer, die waren unterschwellig immer da. Rastlos wie ich nun mal bin, muss ich einfach noch etwas tun, etwas Außergewöhnliches erleben. Aber der volle Genuss des Lebens darf dabei natürlich nicht fehlen. Ja, also genau deshalb bin ich hier auf der Blauzahn und ein Nordstrandpirat. Sprach' s und nahm genussvoll einen  großen Schluck Primitivo

Alle die Pet´s Ausführungen gefolgt sind schauten ihn verduzt an. Mit so einer Vorstellung hatten sie nicht gerechnet. Julia Piro meinte: Sehr charmant, ihre Erklärung" und lachte. "Da spricht wohl der Franzose aus Ihnen."

Der Journalist neben Pet, der auch schon etwas angegraut war, nickte wissend. Er hatte offensichtlich verstanden, welche Emotionen hinter dieser Geschichte von Pet steckten.

Der Wissensdurst von Julia Piro war noch nicht ganz befriedigt. Und wer ist ihr Sponsor?  fragte sie.

Wir kennen ihn nicht. Und wenn, dann läge es an ihm, sich öffentlich dazu zu bekennen, dass er diese Reise finanziert. Otto hatte nun das Gesprächsruder übernommen. Wir haben uns alle dazu verpflichtet, über diese Dinge Stillschweigen zu bewahren.

Aus dem Tagebuch des Otto Kraz

Schon verrückt. Wir machen nichts wirklich Spektakuläres. Mit einem Segelboot einmal um die Welt, das machen inzwischen viele. Aber wir sind 11 Rentner "im verdienten Ruhestand". Das scheint einen Nerv der Zeit zu treffen. Eine der großen unausgesprochenen Fragen. Wer ist man nach der Pensionierung. Kann man sich noch einmal neu aufmachen, nachdem man doch schon auf's Altenteil geschickt wurde. Sich neu zu erfinden, weil es eigentlich keinen Grund gibt, es nicht zu tun. Weil man sich in dieser hochentwickelten Welt ein hochtechnisiertes Schiff nehmen kann, um mit scheinbar alten, aber in Wirklichkeit jungen Gehirnen das Leben noch intensiver erobern kann als die Jahre zuvor. Ok, falls einen von uns die Demenz ereilt, dann ist das eben blöd gelaufen. Aber bis dahin gilt: Lasst unsere jungen Gehirne mit der riesigen Lebenserfahrung in den alten Körpern mit den technischen Hilfsmitteln erforschen, was noch alles geht. In 100 Jahren wird man sicher kopfschüttelnd feststellen, wie bescheuert man in unserer Zeit doch noch war, die Erfahrungen von Nordstrandpiraten nicht aktiv zu nutzen. "Man muss Schätze heben, nicht versenken" wird sicher irgendwann einmal ein sehr kluger Wirtschaftwissenschaftler schreiben."

Der Hafenmeister erhob sich und bat kurz um Gehör. Bisher habe ich es vermieden, eine Rede zu halten, aber ich möchte doch kurz ein paar Worte an Sie alle richten. Zuerst bedanke ich mich bei Ihnen, liebe Herren Nordstrandpiraten, dass sie unserer Einladung gefolgt sind und uns die Gelegenheit gegeben haben, sie kennen zu lernen. Die Gespräche, die wir mit Ihnen bisher führen durften, waren sehr interessant und haben uns ein wenig Einblick in Ihre Beweggründe gegeben. Warum Sie diese Seereise machen. Ich muss gestehen, ich beneide Sie ein wenig und bewundere Sie auch, dass sie dieses Abenteuer wagen, das mit einigen Entbehrungen und Anstrengungen verbunden ist. Ich hatte von dem, was ich bisher über die Blauzahn und ihre Crew gehört habe, eine ganz andere Vorstellung. Ich bin beeindruckt von dem was ich heute gehört habe. Ich erhebe mein Glas und trinke auf ihr Wohl. Ich wünsche ihnen eine gute Reise und dass Sie gut dort ankommen mögen, wohin der Wind und Ihre Ideen Sie auch führen werden. Salute.  Alle erhoben ihre Gläser, prosteten sich zu.

Weit nach Mitternacht kamen Käpten Lars und die Mannschaft der Blauzahn zurück auf ihr schwankendes Heim. Pet ging noch ein paar hundert Meter mit Trevor im Hafen spazieren. Auf der anderen Seite des Hafenbeckens meinte Pet, die hell erleuchtete Silhouette einer ihm bekannten Segeljacht zu entdecken. Er umrundete das Hafenbecken auf dem Pier bis er erkennen konnte, was da für ein Schiff lag. Etwa dreihundert Meter entfernt von der Blauzahn lag die Ageli und daneben die Neon. Sie waren ihnen also gefolgt oder war das schon wieder ein Zufall?

Pet blieb einige Zeit stehen und beobachtet die beiden Schiffe. Auf Deck bewegte sich nichts. Trevor, die hinter ihm stand, fing nach einigen Minuten an zu knurren und umrundet seinen Herren aufgeregt. Pet drehte sich um und sah, dass sich ihm zwei Personen näherten. Pet nahm Trevor an die kurze Leine. Dann erkannte Pet, wer da auf ihn zukam. Der Kapitän und der erste Offizier der Ageli. Ben Miller und Sophia Merion kamen ihm entgegen geschlendert. Und zwar Hand in Hand. Da sie offensichtlich in ein Gespräch vertieft waren, bemerkten sie ihn erst, als Trevor angefangen hatte zu bellen. Sofort lösten sich ihre Hände, als sie erkannten, wer da stand. Guten Abend rief ihnen Pet zu. Zu so später Stunde noch unterwegs? Das ist eigentlich die Zeit für Hundebesitzer oder Raucher, die noch dringend Zigaretten benötigen. Man sah deutlich das etwas verlegene Lächeln von Sophia Merion. Beide grüßten Pet höflich und blieben einige Meter entfernt stehen. Trevor zerrte zu aggressiv an seiner Leine, sodass sie nicht näher kommen wollten. Wir haben nicht damit gerechnet, Sie hier zu sehen. Ja, Sie haben recht, Raucherausflug. Wir hatten keine Zigaretten mehr. Haben Sie für länger hier fest gemacht? fragte der Kapitän der Ageli. Pet wusste nicht, was er antworten sollte, da noch nicht ganz sicher war, ob sie am kommenden Morgen die Reise fortsetzen wollten. Geplant war, dass sie am 24. April gegen Mittag auslaufen würde. Der Kapitän und Otto hatten den Presseleuten aber auch gesagt, dass sie nun gehen müssten, da sie alle noch etwas Schlaf benötigten. Weil sie am nächsten Morgen auslaufen wollten."

Nein wir wollen bei Morgengrauen auslaufen, aber ganz sicher ist das nicht, da wir noch einiges an Schlaf nachholen müssen." meinte Pet. Oh ja, Schlaf, den benötige ich jetzt auch. Gute Nacht. Dabei drehte er sich um und ging zurück in Richtung Blauzahn. Er spürte im Rücken, wie ihn die Blicke der beiden verfolgten.  


Fortsetzung folgt.

 

 

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