Kapitel 18

Rund fünfzig Meter vor dem Ufer wendete das Beiboot der Neon und ließ sich dann treiben. Jose, Alberto und Pet sahen, wie sich eine Frau in die Mitte des Bootes stellte und die Neon fotografierte. Dann wendete sie sich in Richtung Hafen und fotografierte auch diesen. Trevor sprang unvermittelt auf, um eine Möwe zu jagen, die seiner Meinung nach zu nahe an sein Herrschaftsgebiet gekommen war. Damit hatte das kreischende Gefieder nicht gerechnet und konnte sich nur mit einem gewagten Kurzflug-Wendemanöver vor dem Ich-will-doch-nur-spielen-Gebiss retten. Der Bremsweg für Trevor auf Land reichte aber nicht aus und so musste er mit sehr viel Salzwasser Bekanntschaft machen. Mit dieser Szene war das Inkognito der drei von der Blauzahn aufgehoben. Das Geschrei der Möwe, Trevor´s Sprung ins Meer und Pet´s Rufe nach dem Seehund waren auch den Leuten auf dem Beiboot aufgefallen.

Pet sah, dass sie nun von der Frau im Beiboot fotografiert wurden. Ihre beiden Begleiterinnen winkten ihnen fröhlich rufend zu. Alberto beschimpfte Trevor als Tölpel. Dafür wurde er mit dem noch im Fell gefangenen Meerwasser bedacht. Der Hund versuchte, die Feuchtigkeit aus seinem Fell loszuwerden und schüttelte sich mehrere Male. Alberto seinerseits versuchte vor den nassen Schüttelattacken zu flüchten, wurde aber immer wieder eingeholt. Trevor empfand die Fluchtversuche als Spielaufforderung und konnte nicht mehr von ihm lassen. Alle pädagogischen Versuche von Pet und Jose, diesem Spiel ein Ende zu bereiten, scheiterten. Man fand sich damit ab, dass man keine Chance hatte und so gingen die drei mehr oder minder schnell zurück zum Hafen. .

 

21.April 2015 6.00 Uhr  Hafen von Gagliari

Die Blauzahn verließ Sardinien mit Motorkraft und setzte mit dem Ziel Sizilien die Reise fort. Greg stand am Steuer, Pet, Alberto und Otto waren an Deck.  Der Kurs Süd Süd-Ost lag an und sobald sie aus der Bucht heraus waren, konnten sie die Segel setzen und rauschten gut vor dem Wind über die Wellen. Steuerbords konnte man mit dem Fernglas die Ageli erkennen, die in einer Entfernung von etwa achthundert Metern auf Parallelkurs mit der Blauzahn auch unter Segel lief. Von der Neon war nichts mehr zu sehen. Schon bald wurde klar, dass die Blauzahn der schnellere Segler war und nach etwa einer Stunde war die Ageli nur noch auf dem Radar zu erkennen. Lars verkündete, dass sie in 35 Stunden Siracusa erreichen würden.

Auf dem offenen Meer wurde der Wellengang immer heftiger und die Blauzahn wurde am Bug ordentlich mit Brechern überschüttet. Greg maß Windstärke sechs. Je weiter sie in Richtung Süden segelten, umso geringer spürten sie den Wind. Nach vier Stunden Wellenreiten ließ der Wind nach und sie hatten nur noch Windstärke vier bis fünf. Im Osten, Richtung Festland, sah man Regenwolken, die sich an der Küste auftürmten. Der Wind trieb sie aber - wie die Blauzahn - nach Süd-Ost.

Gegen Mittag wurde die See ruhiger und so konnte sich Marc daran machen, der Mannschaft ein einfaches Mittagessen zu kochen. Trevor bewachte die Küche in der Hoffnung, er könnte eine flüchtende Wurst erwischen. Aber Marc hatte alles, auch Kühlschrank, Würste und Kartoffeln fest im Griff.

Um 14.00 Uhr übernahm John das Steuer, Jose und Wilhelm waren mit ihm an Deck. Greg, Otto, Alberto und Pet kamen nun auch in die Messe. Nur mit Tee und ein paar Bananen, die sie bisher genossen hatten, konnte man keine volle Leistung erbringen. Hungrig verschlangen die vier das Essen und legten sich danach schlafen. Die Begegnungen mit der Ageli und der Neon hatten alle schon vergessen.

Da Trevor bei den heftigen Bewegungen der Slup auf dem polierten Holzboden unter Deck nicht schlafen konnte - er rutschte auf seinem Fell hin und her - hatte er sich für heute einen Platz unter Pets Koje gesucht. Dort konnte er ruhig liegen bleiben, ohne dass er von dannen rutschte.

Aber auch Pet musste das Netz vor seine Koje spannen, da er bei starkem Kränken nach Backbord drohte, aus seinem Schlafplatz zu fallen. Seit Monaten war es das erste Mal, dass er seine Schlaflosigkeit innerhalb von Minuten überwunden hatte und sofort in einen tiefen Schlaf verfiel, ohne noch lange zu grübeln.

Otto bastelte wohl an einem neuen Schiff. Die Sägegeräusche waren eindeutig. Otto war müde und schnarchte heftigst. 

Alberto schrieb noch E-Mails an Beatrice. Kleine Berichte über das, was geschehen war und das eine oder andere Wort der Sehnsucht an sie. Trotz der vielen Arbeit an Bord und der körperlichen Herausforderungen blieb ihm immer wieder genügend Zeit, an Beatrice zu denken. Bis auch ihn die Müdigkeit übermannte. 

Greg hingegen lag immer noch wach in seiner Koje. Er dachte wie schon so oft darüber nach, ob es die richtige Entscheidung war, hier auf die Blauzahn an Bord zu gehen. Erst sein aktives Leben in Südostasien, dann die ruhige Beschaulichkeit im Kloster, wo er meinte, seine innere Ruhe gefunden zu haben. Er wollte dort vergessen, was er an Grausamkeiten gesehen hatte und wegen seiner hilflosen Haltung Gott um Vergebung bitten. Gott hatte ihm sehr wahrscheinlich schon lange vergeben. Aber er selbst konnte sich nicht verzeihen, dass er tatenlos zugesehen hatte, was dort Menschen anderen Menschen angetan hatten. Aber selbst diese intensiven Gedanken konnten seinen Körper am Ende nicht vom notwendigen Schlaf abhalten. Hier auf der Blauzahn fand er immer öfters etwas Ruhe und Frieden.

John, der das Schiff gerne auf den Wellen reiten ließ, suchte den Wind. Den Wind, der die Blauzahn noch schneller und wild tanzend seinem Ziel näher brachte. Auf dem Radar war sehr viel Schiffsverkehr rund um die Slup zu erkennen. Wilhelm bekam immer mehr Freude daran, wenn sie so hart am Wind segelten. Vor allem dann, wenn Tropfen der Gischt sein Gesicht trafen, fühlte er sich so lebendig wie noch nie. Seine Maschinen unter Deck wurden nicht gebraucht, der Wind und die Segel nahmen ihnen die Arbeit ab.

Jose war wie immer konzentriert bei der Arbeit. Er beobachtete den Radarschirm und immer wieder suchte er den Horizont mit dem Fernglas ab. Wilhelm fragte ihn, ob er etwas Bestimmtes suchen würde oder etwas gesehen hätte, was ihn beunruhigen würde. Der schüttelte aber nur schweigend den Kopf und beobachtete weiter das Nichts vor sich.

Marc, Lars, Jon und Gerrit hatten sich in der Messe zusammengesetzt, um die Treibstoffe, und die Wasser- und Lebensmittelbestände zu überprüfen. Siracusa war der letzte Hafen vor Alexandria, wo sie problemlos mit der Blauzahn Treibstoff und Wasser aufnehmen konnten. Marc wollte zudem noch einige Lebensmittel einkaufen. Vor allem sollte italienisches Olivenöl und frisches Obst den Lebensmittelbestand etwas erweitern. In der Tiefkühlkammer und im Kühlraum war Vorrat für etwa zwanzig Tage, aber was ihnen fehlte, waren frische Lebensmittel. Lars forderte seit Tagen, dass sie mindestens zwei Mal in der Woche Fisch auf die Teller bekommen sollten. Auch das wollte Marc nun mit dem Einkauf in Siracusa realisieren. Jan und Gerrit brachten noch zur Sprache, dass nicht alle Mannschaftsmitglieder mit sehr geringem Haarwuchs ausgestattet seien wie Otto oder John. Die meisten würden ja  noch mit einigermaßen normalen Bewuchs auf dem Haupt leben und hätten inzwischen schon eine Haarlänge erreicht, die an das Starter-Set einer Hippie Veranstaltung erinnern würde. Außer Otto und John hätten alle anderen doch noch Kamm und Bürste nötig. Gerrit fragte: Sollen wir in die Stadt gehen und uns die Haare schneiden lassen oder meinst du, so ein Barbier würde uns an Bord besuchen? Lars meinte: Ich werde mal unseren Anwalt kontaktieren. Soll er doch was Nützliches tun und uns einen Friseur besorgen. Den lassen wir an Bord kommen. So mancher Bart könnte auch mal eine zusätzliche Pflege und einen ordentlichen Schnitt gebrauchen. Ich schreibe ihm das. Mal sehen, ob er gutes Aussehen an Bord der Blauzahn für notwendig hält.  Wie immer, wenn Lars der Meinung war, dass er etwas besonders Spaßiges gesagte hatte, grinste er kurz und bekam danach ein noch viel ernsteres Gesicht als vor dem Scherz.

Ohne Zwischenfälle kam die Blauzahn am 23. April gegen 10.00 Uhr in Siracusa an. Wegen ihrer Größe konnte sie nicht in den Jachthafen einfahren, sondern bekam einen Liegeplatz an einer Mole vor der Hafeneinfahrt zugewiesen. Der Hafenmeister kam an Bord, um die Mannschaft persönlich zu begrüßen. Er lud sie zu einem Abendessen in einer Trattoria in der Nähe des Hafens für 20.00 Uhr ein. Und sie wurden auch darauf vorbereitet, dass an diesem Abendessen einige Pressevertreter der örtlichen Tageszeitungen teilnehmen würden. Otto übernahm es, dieses Thema mit dem Hafenmeister zu besprechen, der leidlich Französisch und Englisch sprach.

Na da bin ich ja froh, dass wir nachher noch die Haare geschnitten bekommen. Wenn wir schon auf die Presse treffen, dann sollten wir das doch einigermaßen gepflegt tun. meinte Gerrit. Seit sechsunddreißig Stunden war nur etwas Wasser in ihre Gesichter gekommen. An Duschen war bei diesem Ritt über die Wellen nicht zu denken gewesen. Der Hafenmeister teilte ihnen auch gleich mit, dass ein mobile Haarstylist demnächst hier eintreffen würde. Deshalb losten sie gleich noch aus, wer sich als erster die Haare schneiden lassen sollte. 

Zuerst war Lars an der Reihe, dann Jose, danach Pet, Alberto, Wilhelm, Jan, Gerrit, Greg und Marc. Als der Hafenmeister ging, rief er Lars noch zu, dass der mobile Friseursalon schon im Anrollen sei. Lars schaute nach unten auf den Kai, als ein großer Fiat Ducato vorfuhr. Da stiegen nun diese Haarkünstler aus. Ob die auch wirklich Haare schneiden konnten? dachte Lars bei sich und eilte nach unten. Unterwegs trag er auf Wilhelm. Ich lasse dir den Vortritt, ich will zuerst duschen. Danke, dann geh ich mal los. Und Wilhelm ging los. Er sah nur das Auto und die offene Türe zum Friseursalon. Erst als er einstieg, sah er, in wessen Hände er sich begab. In die Hände von - für ihn in diesem Moment umwerfend aussehenden -  Haarstylistinnen. Leise fluchte er vor sich hin. Verdammter Lars. Wenn ich das gewusst hätte, dann wäre ich auch zuerst duschen gegangen. Aber das zahle ich dir heim. Che cosa succede? fragte ihn die größere der beiden Schönheiten. Dann versuchte sie auf Englisch bei Wilhelm zu erfragen, wie er denn die Haare gerne hätte. Wilhelm meinte nun auf Holländisch. Mach es so, dass ich schön genug für dich bin. Auf Englisch erklärte er danach brav, wie er es gerne geschnitten hätte. Dann begann die Stylistin, ihm zuerst die Haare zu waschen. Wenn Wilhelm ein Kater gewesen wäre, hätte er da bestimmt angefangen zu schnurren. Aber so summte er nur leise und zufrieden vor sich hin. Die zweite Friseurin wartete auf den nächsten Kunden. Jose hatte schon geduscht und sich etwas frisch gemacht. Als er die Dame in der Tür entdeckte, wurde seine Schritte auf der Gangway schneller. Fast wäre er auf den letzten paar Zentimetern vor der Eingangstür noch gestolpert und der Stylistin in die Arme gefallen. Pet, der knapp hinter ihm hergelaufen kam, riss ihn aber hoch, sodass er doch noch aufrecht den Friseursalon betreten konnte. Da Jose bereits seine Haare gewaschen hatte, wurden diese nur angefeuchtet und er bekam keine Kopfmassage wie Wilhelm. Alberto rief in den Wagen hinein. Wilhelm, was ist los. Das dauert bei dir aber sehr lange. Die paar Fusseln auf deinem Kopf hätte ich auch fachmännisch wegbekommen.

Die Verspiegelung in diesem Friseursalon erlaubten es Jose, sich die beiden Damen genau anzuschauen. Beide waren einfach schön, fand er. Seit Wochen nur mit alten Männern zusammen, waren Frauen - vor allem solche wie diese - wie Wesen aus einer Traumwelt.. Das war wirklich wie eine andere Welt, ein Traum für ein paar Minuten. Aber ein sehr schöner. Jose war schnell fertig. Zu schnell, musste er sich eingestehen. Die Friseurin - sie hatte sich als Aurora vorgestellt - verstand ihr Handwerk. Der Haarschnitt war gut. Jose meinte für sich sogar, dass der Haarschnitt unvergleichlich gut war. Als er den Raum verließ - Wilhelm war immer noch "in Arbeit" - sah er John am Ende der Warteschlange mit einer Perücke auf dem Kopf. Der Glatzkopf wollte sich auch in die Hände der Damen begeben. Jose verstand ihn bestens. Dann drehten sich alle um, als Pet laut Achtung in Richtung der Gangway schrie. Oben stand er. Kapitän Lars Larsen in einer Marineuniform. Trevor Nase hing an seiner Uniformjacke und er musste nicht nur einmal niesen. Als Pet an Lars vorbei ging, sagte er zu ihm. Wir sind schon alte Idioten, oder? Lars drehte sich lächelnd zu ihm um. Aber heute ist es so schön, ein Idiot zu sein. "Wo er recht hat, hat er recht" dachte Pet bei sich.

 

Fortsetzung folgt

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    veronika (Sonntag, 21 Juni 2015 22:38)

    Sehr gut recherchiert .woher man das alles weiß wie und worauf es ankommt wenn man um die welt segelt. Gute Geschichte macht weter so. Und bei trevers kann man ein schmunzeln nicht verkneifen. Der gefällt mir erinnert mich an unsern Hund.