Kapitel 17

19. April - irgendwo vor der Küste Sardiniens

Vor vier Stunden hatten sie die die beiden Jachten, hinter sich gelassen. Auf dem Radar waren sie immer wieder zu sehen. Wobei man nie wusste, wen man da gerade auf dem Radar sah.

Der Wind war schwach und sie konnten mit nicht mehr als gerade mal sieben bis acht Knoten vorankommen. Sie würden noch etwa siebzig Stunden bis zu ihrem Ziel brauchen, dem Hafen von Siracusa. Sie hatten alle durch das Abenteuer in der Nacht nicht sonderlich viel geschlafen. Marc hatte versucht, ein Nachmittagessen zu kreieren, was ihm bei dem Seegang misslungen war. Trevor freute sich über eine Extraration Steaks, die vor einer Pfanne auf den Kombüsenboden geflohen waren. Nach rund siebenhundert Gramm Fussbodensteak gab Trevor auf und trollte sich in die Kajüte von Pet.

Die Männer brauchten Schlaf und vor allem endlich einmal eine warme Mahlzeit. Trotz der Seeluft und der körperlichen Anstrengungen setzten sich die ständig genossenen Sandwiches doch bei dem einen oder anderen an den Hüften fest. Lars setzte sich mit dem Hafenmeister von Gagliari in Verbindung und meldete ihr Kommen. Um 20.00 Uhr hatten sie ihren Liegeplatz. Die Blauzahn war natürlich ein Hingucker für den Hafen. War sie doch durch ihre Ausmaße schon sehr ungewöhnlich. Und auf Sardinien hatte man noch nichts von der Tour der elf alten Männer mit Hund auf einem Boot gehört.

Marc war seit dem Einlaufen ins Hafenbecken bereits damit beschäftigt, ein Mahl zu basteln. Ob mit Kohlehydraten, Eiweiß und allem, was man so brauchte, wenn man hart arbeitete, war ihm an dem Abend vollkommen egal. Er mixte etwas zusammen, was nach asiatischer Küche aussah. Einfach Reis, Putenfleisch, Pilze, Paprika, Ananas mit allerlei guten Gewürzen zusammengemischt. Um 21.00 Uhr saß die Mannschaft müde und glücklich in der Messe und sie tauften das Gericht "Worldwide-Auflauf". Mit Bier, Wein und Wasser wurde das Gericht begossen. In diesem Moment interessierte es niemanden, ob ihre Verfolger sie gefunden hatten oder nicht.

Lars und Pet saßen am späten Abend zusammen, um zu rauchen. Lars war wie Pet leidenschaftlicher Pfeifenraucher und so hatten sich beide eine Pfeife angesteckt und genossen dazu einen kräftigen Schluck Scotch. Trevor hatte sich vor dem Rauch in den Gang geflüchtet und seine Arbeit als Wachhund aufgenommen. In der Messe waren noch Wilhelm, John, Gerrit und Jan und pokerten. Jeder entspannte sich auf seine Art.

Zuerst plauderten Lars und Pet einfach etwas über die Erlebnisse der letzten Stunden miteinander. Nach einer längeren Genusspause fing Lars an zu erzählen.

Ich hätte nie gedacht, dass ich auf diese Art noch einmal mein Element Meer, Salz und Seefahrt ausleben kann. Nachdem ich vor über sieben Jahren aufgehört hatte, mit Tankern die Weltmeere zu verseuchen und mich mit meiner Frau auf meine kleine Insel zurückgezogen hatte, war eine Episode beendet, die eigentlich nie aufhören konnte. Melli, meine Frau, war oft mit mir mitgefahren, aber die letzten Jahre wollte sie nicht mehr und so war sie schon vor neun Jahren von Bord gegangen. Sie wollte für uns ein Häuschen suchen und hat auch auf Birkholm in der Ostsee ein schönes Anwesen gefunden. In den zwei Jahren, in denen wir uns sehr selten gesehen haben, während ich auf See war, hat sie das Haus eingerichtet. Als ich dann für immer nach Hause kam und festen Boden unter den Füßen hatte, war alles anders. Wir waren noch knapp einen Monat gemeinsam in unserem Haus. Dann verließ sie mich. Sie hatte einen anderen gefunden. Sich einfach in einen anderen verliebt. Einfach so. Sie ist nun mal fast zwanzig Jahre jünger als ich und die Einsamkeit auf der Insel war wohl nichts für sie. Oder ich war zu alt. Ich kann dir nicht sagen, woran es lag. Ich glaube, sie kannte die Wahrheit selbst nicht. Meine Fragen nach dem Warum hat sie immer sehr ausweichend beantwortet. Als sie dann ging, hatte ich jeglichen Glauben an Liebe und Vertrauen verloren. Sie meinte, wir könnten doch Freunde bleiben, aber was soll ich damit. Ich konnte sie einfach nicht mehr zurückgewinnen.

Lars schenkte beide Gläser nochmals voll. Pet schwieg, da er ihn einfach weiterreden lassen wollte.

So eine Insel mit nur einem Dutzend Einwohner bietet auch keine große Abwechslung. Und Alkohol verliert irgendwann auch einmal seinen Reiz. Ich zog zurück nach Kopenhagen, behielt das Haus aber als Feriendomizil. Durch Zufall habe ich sie in Kopenhagen dann wieder getroffen. Ihr neuer Partner war der Handwerker, der unsere erste Wohnung in Odense umgebaut hatte und der dann die Arbeiten unseres Hauses auf Birkholmübernahm. Sie erzählte mir, als wir uns zu einem Kaffee verabredeten, wie glücklich sie nun sei. Er sei immer für sie da und er sei zehn Jahre jünger als ich. Gut, jünger konnte ich mich nicht machen, aber ich wäre doch jetzt auch immer für sie da gewesen. Sie meinte nur, dass das einfach zu spät sei und dass sie sich neu verliebt hätte. Dafür könne sie doch nichts. Es sei einfach so passiert. Dann ist sie gegangen. Sie konnte mir nicht einmal mehr in die Augen schauen. Das Verrückte daran ist, ich liebe sie immer noch.

Der Kapitän nahm einen großen Schluck aus seinem Glas und stellte es sehr vorsichtig zurück auf Pet´s Schreibplatte.

"Als alter Seemann an Land war ich einsam, konnte keine Freundschaften schließen, weil mir der Mut oft genug fehlte, mich mit anderen Menschen näher zu beschäftigen. Ich habe dann versucht, nochmals zurückzugehen, mich als Kapitän meiner alten Rederei anzubieten. Aber ich war draußen, zu alt für das, was man von mir forderte. Zu alt. Das durfte ich mir anhören. Und nun die Blauzahn. Langsam kommt sie mir vor wie das Paradies. Hier habe ich das Gefühl, Freunde zu finden. Aber was mir trotzdem fehlt,

ist ein wenig weibliche Zuneigung. Ihre Zuneigung.

Pet kam sich in dem Moment sehr hilflos vor.

Aus dem persönlichen Tagebuch des Pet Bär

Das Geständnis oder die Offenheit, mit der mir Lars einen Teil seiner Lebensgeschichte erzählt hat, macht mich betroffen. Zuerst nervte mich das alles. Es klang so ein wenig nach Liebesroman à la Rosamunde Pilcher - ohne Happy End. Aber ich muss mir nun selbst eingestehen, dass das, was Lars passierte, eben Alltag ist. Nichts Ungewöhnliches. Sein Geständnis kam mir zuerst etwas theatralisch vor.  "Ich liebe sie immer noch." Ein Mann mit dieser Lebenserfahrung, der sein Leben lang Verantwortung für Millionenwerte und Menschen in kritische Situationen erfolgreich geführt hat, lässt sich von dieser emotionalen Krise übermannen. Ich habe versucht, mich in seine Situation zu versetzten, in ihn hinein zu fühlen und dabei gehen mir die Lebensgeschichte von einigen meiner Freunde durch den Kopf. Ja, ich entdecke hier viele Parallelen bei gescheiterten oder kreiselnden Beziehungen, die ich kenne. Auch einige meiner Freunde durchleben nach dem Berufsleben sehr turbulente Zeiten in ihrer Beziehung. Ein Teil erträgt es nicht - Trennung. Ein Teil bleibt aus Gründen der Gewohnheit zusammen - Stillstand - und nur ein sehr geringer Teil schafft es, gemeinsam wirklich neue Wege zu gehen. Eine echte Herausforderung.

Zu welchem Teil gehören wir hier auf der Blauzahn? Unter Einfluss von Whisky, Tabak und Müdigkeit sollte man solche Gedankenspiele tatsächlich nur in sein Tagebuch schreiben.

 

20. April im Hafen von Gagliari

Um 7.00 Uhr Morgens durchzog ein Duft von frischem Brot die Blauzahn. Marc war schon sehr früh aufgestanden. Nachdem ein Teil der Mannschaft aus gesundheitlichen Gründen auf Brot aus Getreide verzichten musste, wollte Marc nun allen gerecht werden. Er hatte ein Weizenmischbrot, ein Dinkelbrot und ein glutenfreies Brot gebacken. Das Dinkelbrot war für Otto, Jan und  Wilhelm, das Glutenfrei für Jose, Alberto und Pet und das Weizenmischbrot für den Rest der Mannschaft. So ein frisches Brot war für jeden ein Geschenk. Kaffee, Tee, Butter und Marmelade reichten, um die Verschlafenheit dieses Morgens in eine erneute Euphorie zu verwandeln. So wie Greg das Tischgebet eingeführt hatte, führte nun Lars einen neuen Akt des Mannschaftslebens ein. Wenn Marc etwas besonders Gutes gekocht hatte oder so wie an diesem Morgen etwas Außergewöhnliches gebacken, dann küssten sie ihn alle auf seine hohe Stirn. Er fluchte dabei immer so wunderbar.

Pet war als einer der Ersten an Deck. Er wollte mit Trevor ein paar Schritte auf festem Landboden gehen. John und Alberto schlossen sich ihm an. Sie gingen am Meer entlang bis nach Faro, einer kleinen Landzunge im Süden der Stadt und bis zum Hafen. Dort konnte sich Trevor ohne Leine zwischen Meer, Felsen und etwas Grün austoben.

Alberto entdeckte sie als Erster, die Ageli und die Neon. Etwa einhundert Meter draußen auf dem Meer. Sie fuhren sehr langsam, nicht unter Segel, sondern mit Motorkraft. Da sie von ein paar Felsen gut verdeckt waren, konnten sie die Mannschaften der beiden Jachten noch nicht gesehen haben, sofern sie nach ihnen Ausschau gehalten hatten. Nur Trevor schien von dem Plan, sich nicht entdecken zu lassen, keine Kenntnis zu haben. Fröhlich genoss er die Freiheit und sprintete die hundert Meter vom Felsen zum Meer und zurück. Dabei verscheuchte er laut bellend ein paar Möwen und machte damit alles in seiner Umgebung auf ihn aufmerksam. 

Ohne von Trevor´s Treiben an Land Kenntnis zu nehmen, liefen die Neon und die Ageli weiter auf ihren Kursen. Nichts auf den beiden Jachten deutete darauf hin, dass sie etwas  bemerkt hatten. Alberto telefonierte mit dem Handy, um die Männer auf der Blauzahn darauf aufmerksam zu machen, dass sie eventuell Besuch bekommen würden.  Da man sie nicht so bald zurückerwartete, gingen die drei dann weiter in Richtung Osten am Meer entlang. Per WhatsApp bekamen sie die Nachricht, dass keines der beiden Schiffe in den Jachthafen eingelaufen war. Sie wurden auch nicht in Richtung Fährhafen gesichtet. Die drei drehten deshalb um. Wollten herauszufinden, ob sie die beiden Jachten entdecken würden.

Zurück bei den Felsen von Faro sahen sie gerade noch, wie die Neon gefährlich nahe den Kurs einer Fähre mit dem Ziel-Hafen kreuzte. Sie wollte offensichtlich zurück aufs offene Meer. Dann sahen sie auch die Ageli, wie sie auf westlichem Kurs lief, um auf die andere Seite der Bucht von Gagliari zu kommen. Sie war aber schon zu weit entfernt von Faro, sodass keiner mehr erkennen konnte, was dort draußen genau passierte.

Inzwischen war es schon weit nach 12.00 Uhr und der Durst machte sich bemerkbar. Sie gingen zurück in Richtung Jachthafen, tranken aber unterwegs einen Espresso in einer kleinen Bar. Trevor bekam eine Schüssel eiskaltes Wasser. Von dort aus konnten sie die Bucht gut überblicken und sahen plötzlich, wie sich ein Beiboot von der Neon entfernte und genau auf den Strandabschnitt zukam, an dem sie gerade saßen. Waren sie doch entdeckt worden? Oder war das nur Zufall?

Sie warteten einfach ab, was wohl passieren würde.

Fortsetzung folgt

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Veronika (Donnerstag, 04 Juni 2015 10:04)

    Super Geschichte bin gespannt wie es weiter geht. Vor allem ist von allem was dabei .