Kapitel 16

Samstag 18. April 2015 Mittelmeer einhundertsechzig Seemeilen vor der französischen Küste auf der Höhe von Marseille

Die geplante Route der Blauzahn wurde komplett geändert. Die Mannschaft hatte sich entschlossen, noch einige Tage in Küstennähe zu kreuzen. Erst wenn man sicher war, dass es keine unangenehmen Überraschungen mehr geben würde, wollte man zurück auf die vereinbarte Route. Und aus Tagen waren nun doch Wochen geworden.

Greg hatte sich schnell und ohne Komplikationen in die Tagesroutinen eingefügt. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass er ein ausgezeichneter Seemann war. Selbst die unerfahrensten Matrosen der Mannschaft wie Jan, Otto, Pet und Gerrit hatten inzwischen sehr viel gelernt.

 

In der Bordroutine gab es paar Veränderungen Greg sprach bei jedem gemeinsamen Abendessen ein Tischgebet. Am Anfang sträubten sich die Atheisten der Mannschaft noch etwas dagegen, nach ein paar Tagen gingen sie dann aber auch dazu über, es nicht nur zu akzeptieren, sondern sie nahmen diese Minute des Gebetes als Anlass, zu meditieren oder auch dem Gebet zu lauschen.

Trevor hatte allerdings etwas länger gebraucht, sich an seine schwankende neue Heimat zu gewöhnen. Vor allem der Gang zur Hundetoilette wurde unter gewissen Umständen für ihn zum Problem. Wenn die Blauzahn zum falschen Zeitpunkt stark nach Backbord oder Steuerbord  kränkte, verlor der Vierbeiner schnell den Halt. Inzwischen lehnte er sich immer an die Wand seiner Toilettenholzkiste, wenn es denn mal sein musste. Sein Lieblingsaufenthaltsort war allerdings die gepolsterte Holzkiste neben dem Steuerrad. Dort saß er stundenlang - mit seiner Hundeschwimmweste gekleidet und fest mit dem Laufband gesichert.

Die See hatte am 16. April begonnen, etwas unruhig zu werden. Am 18. April beschloss man zur geplanten Route zurückzukehren. Das nächste Ziel sollte der Hafen von Siracusa auf Sizilien sein. 1280 Kilometer bis dahin. Zuerst wollten sie durch die Straße von Bonifacio segeln. Zwischen Korsika und Sardinien hindurch. Danach führte die Route durch die Liparischen Inseln und die Straße von Messina. Ein Liegeplatz im Jachthafen von Siracusa war für den 23. April gebucht.

Lars, John und Greg waren sich einig, dass sie auf dieser stark befahren Schifffahrtsroute sehr aufmerksam sein mussten. Im Zehn-Stunden-Takt gab es einen Wechsel bei der Wache. Jeweils drei Mannschaftsmitglieder hatten Dienst. Nur Marc und Gerrit waren ausgenommen. Marc musste sich exklusiv um die Versorgungsbelange der Mannschaft kümmern und Gerrit wurde für den restlichen Haushaltsdienst gebraucht. Man hatte zu Beginn der Reise lange diskutiert, ob zu diesem Dienst auch das Betten machen für alle Mannschaftsmitglieder gehören würde. Doch das wurde damals mehrheitlich abgelehnt.

Die erste Wache begann am 18. April um 18:00 Uhr mit John, Alberto und Otto. Die zweite würde dann um 4:00 Uhr morgens mit Greg, Pet und Jan starten. Für die dritte Wache stand 14:00 Uhr mit Lars, Wilhelm und Jose auf dem Plan. Der Wind stand gut, sodass man mit der Besegelung mit etwa neun bis elf Seemeilen vorankam. Alberto beobachtete den Radarschirm sehr genau. Vor allem in Küstennähe von Korsika mussten die Scheinwerfer ein paar Mal eingeschaltet werden, da man die Fischerboote aus Holz sehr oft nur als beleuchtete Schatten sehen konnte. Auf dem Radar waren sie nicht zu erkennen.

Das Radar der Blauzahn reichte knapp fünfundzwanzig Seemeilen weit. Um 2.00 Uhr nachts bemerkte Alberto, dass am Rande dieser Radarausleuchtung immer wieder ein Schiff auftauchte, das genau den gleichen Kurs hatte wie sie. Alle paar Minuten tauchte es kurz auf und verschwand wieder. Das eine oder andere Mal war es auch länger auf dem Radar zu sehen, aber nie dauernhaft. Bei der Wachübergabe machte Alberto Jan darauf aufmerksam. Trevor war mit nach oben gekommen und in seinen Beobachtungsstand gestiegen - in die gepolsterte Kiste neben dem Steuerrad. Angeleint und mit seiner Schwimmweste ausgestattet.  

Um 4.30 Uhr begann es leicht zu nieseln. Die Positionslampen am Burg der Blauzahn war vom Steuerstand aus nicht mehr gut zu sehen. Greg konzentrierte sich auf den Kurs, Jan kontrollierte und überwachte steuerbords und Pet backbords. Aufrecht saß Trevor in seiner Kiste und stellte seine Nase in den Wind. Kurz vor 5.00 Uhr begann er erst zu knurren. Dieser Ton ging aber bald in ein lautes wütendes Bellen über. Er bellte gen Süden. Pet richtete einen Scheinwerfer in diese Richtung und leuchtete die Umgebung der Blauzahn ab. Zuerst konnte er wegen des Wellengangs nichts entdecken. Dann entdeckte Pet etwas, das aussah wie eine Türe oder ein sehr langes und breites Brett, das etwa zwanzig Meter von der Blauzahn parallel zum Kurs der Jacht schwamm. Erst als sie auf knapp zehn Meter näher heran waren, sah auch Greg das Teil. Es war der Holzkiel eines kleinen Bootes und zog eine helle Boje an einem Seil hinter sich her. Dann wurde noch sichtbar, dass ein Stück Netz mit der Boje verbunden war. Um nicht mit dem Wrack zu kollidieren, steuerte Greg dagegen. Die Strömung in Richtung der Straße von Bonifacio war stark, obwohl sie noch gut dreißig Meilen entfernt waren. Sie beobachteten das nun abfallend auf Backbord schwimmende Teil. Dann entdeckten alle drei zur gleichen Zeit, dass sich hinter der Boje noch etwas Längliches befand. Es war mit Leuchtfarbe angestrichen, so sah es auf jeden Fall aus. Jan meinte, dass das ein Mensch sei, der da in seinem Sicherheitsanzug hinter dem Wrack und der Boje hergezogen wurde. Greg versucht ein Wendemanöver. Aber bis sie die Stelle wieder erreichten, von der sie meinten, dass hier das havarierte Boot schwimmen musste, war da nichts mehr. Es war weg, verschwunden. Greg informierte die Italienische Küstenwache per Funk. Die meinte aber, dass sie sich noch in Französischem Gewässer befinden würden und informierte dann die Kollegen auf Korsika. Mehr konnten sie nicht tun. Greg wendete und ging zurück auf den alten Kurs. Den Radarschirm hatten sie die ganze Zeit nicht richtig im Auge behalten. Vor ihnen, etwa fünf Meilen entfernt, kam ihnen ein sehr großes Objekt entgegen. Und hinter ihnen war ihr vermeintlicher Verfolger wieder aufgetaucht, nun aber deutlich sichtbar. Er war inzwischen auf fast zehn Meilen herangekommen. Das Wendemanöver und die Kursabweichung hatten doch fast 30 Minuten gebraucht. Pet beobachtete den Kurs des Verfolgers auf dem Radar. Er fuhr genau hinter ihnen her und kam immer näher.

Durch das Wendemanöver und das Gebell von Trevor waren Lars und Wilhelm wach geworden und kamen an Deck. Greg informierte sie über die Geschehnisse. Er selbst ärgerte sich darüber, dass er nicht in der Lage gewesen war, dem offensichtlichen Opfer der Havarie zu helfen. Und er vergaß nicht, Lars über den vermeintlichen Verfolger zu informieren.

Sie brüteten einen Plan aus. Wenn man durch die Straße von Bonifacio durchgesegelt war, wollte man sich bei der zu Sardinien gehörenden Isola Spargi verstecken. Dazu mussten sie genügend Abstand von dem Verfolger gewinnen, damit man für einige Zeit aus dessen Radar verschwinden konnte. Deshalb wurde das Vorsegel gesetzt. Lars studierte die Wetterkarten aus dem Internet. Er fand günstige Wind- und Strömungsrichtung. Die Blauzahn korrigierte leicht ihren Kurs und legte sich in den Wind. Sie kränkte gewaltig nach Steuerbord. Von unten hörte man trotz der Windgeräusche lautstarkes Fluchen. Dann tauchte Marc auf - von oben bis unten total bekleckert mit brauner Flüssigkeit. Euren Tee könnt ich aus meinen Klamotten rauswringen, ich mache euch keinen mehr." Meinte er verärgert. "Kann mir denn keiner sagen, wenn ihr einen auf Rennboot machen wollt. Lars ging zu ihm und drängte ihn in Richtung Messe ab.

Die Blauzahn zeigte nun zum wiederholten Male, was in ihr steckte. Das entgegenkommende Schiff, eine Fähre, sahen sie backbords an sich vorbei fahren. Dann waren sie drin in der Straße von Bonifacio. Sie hatten den Verfolger wie geplant auf ihrem Radar verloren. Um 7:15 Uhr war es schon hell genug, dass sie die Schönheit der Küste von Sardinien sehen konnten - trotz der Gefahren, die hier herrschten. Greg hielt sich genau an die Vorgaben der Seekarten. Die Riffe und Untiefen mussten weiträumig umfahren werden und der starke Schiffsverkehr bestand um diese Uhrzeit hauptsächlich aus Fischerbooten und Fähren. Die Spannung auf der Blauzahn stieg. Alle waren neugierig, wie dieses Abenteuer wohl enden würde. Wer war der Verfolger, und war es überhaupt ein Schiff, das sie verfolgte? Aus den alten Männern waren kleine Jungs geworden, die dieses Ereignis mit erhöhtem Puls genossen.

Gegen 10.00 Uhr erreichten sie die Isola Spargi, die sie halb umrundeten, um dann den Anker zu werfen. Sie mussten den Masten um zehn Meter einfahren, damit man sie nicht sofort von der Nord-West-Seite der Insel aus sehen konnte, wo ihr vermeintlicher Verfolger herkommen würde.

Greg, Otto und Wilhelm fuhren mit dem kleinen Beiboot auf die Insel und wanderten zu Fuß die etwa achthundert Meter zur östlichsten Punkt der Insel. Eine Stunde später segelte  ein  Zweimastschoner, der unter französischer Flagge fuhr, an ihnen vorbei. Mit dem Fernglas konnte Otto den Namen lesen. Die Neon - so hieß das Schiff - holte die Segel ein und ließ sich langsam an der Isola Spargi vorbeitreiben - Richtung Isola Maddalena. Fast dreißig Minuten später kam ein weiteres Schiff. Ebenfalls eine Segeljacht mit zwei Masten. Auch sie strich die Segel und ließ sich auf die Neon zutreiben. Otto konnte lange nicht erkennen, wie der Name der anderen Jacht lautete. Dann rief er plötzlich laut und aufgeregt: "Die Ageli, sie ist uns also doch gefolgt." In einer Entfernung von vielleicht zehn Metern fuhren die beiden Schiffe mit Motorkraft langsam Richtung Ost-Süd-Ost weiter. Eindeutig war, dass sich die Mannschaften der beiden Jachten kannten. Das Treiben auf den Decks deutete klar darauf hin. Auch fuhr ein Beiboot der Ageli hinüber zur Neon. Langsam entschwanden die beiden den Blicken der drei Männer auf der Isola Spargi. Sie gingen zu ihrem Boot, um auf die Blauzahn zurückzukehren.

Bei ihren Recherchen im Internet hatten sie herausgefunden, dass die Ageli einem sehr erfolgreichen englischer Broker gehörte und bei den nun folgenden Nachforschungen im Internet stellten sie fest, dass die Neon zwar unter Französischer Flagge fuhr, aber einem  Dänischem Zeitungsverleger gehörte, der auch mehrere holzverarbeitende Betriebe besaß.

Noch wollte eigentlich keiner der Mannschaftsmitglieder daran glauben, dass man sie bewusst verfolgt hatte. Obwohl es dann doch ein ziemlich respektabler Zufall sein musste. Es gab zwei Möglichkeiten, die Wahrheit herauszufinden. Die erste war, dass man die Leute auf einem der beiden Schiffe einfach fragte. Oder man stellte sie auf die Probe.

Das Befragen verwarf man schnell. Lügen konnte jeder. Warum sollten sie die Wahrheit  sagen? Also musste man sie auf die Probe stellen. Raus aus dem Versteck, Segel setzen  und dann mit voller Fahrt an ihnen vorbei. Das war der Plan.

Mit diebischem Grinsen, dass alle aufgesetzt hatten, setzten sie die Idee in die Tat um. Mit knapp acht Knoten segelten sie an den beiden vor sich hin dümpelnden Jachten vorbei. Sie winkten der Neon und Ageli zu. Alle Ferngläser, die man an Bord der Blauzahn hatte, waren auf die beiden Schiffe gerichtet. Viele erstaunte Gesichter waren zu sehen und dann wurde es auf der Neon und Ageli sehr hektisch. Sie sahen noch, wie man schnell die Segel setzte, bevor die Blauzahn hinter der Nordspitze der Isola Maddalena verschwand.

 

Fortsetzung folgt