Kapitel 15

Die Aufmerksamkeit der Mannschaft der Ageli galt nicht nur Trevor, von dem nur der Haarschopf über der Verschanzung zu sehen war, wenn er zu einer trabenden Gangart ansetzte oder wenn er sich aufstellte, um über die Verschanzung zu schauen. Nein, die Aufmerksamkeit galt auch Pater Gregor, der sich hinter dem Masten auf dem Kajütendach zeigte - und das im Habitus eines Benediktiners. Hund, Mönch und lauter alte Männer, das musste für die Mannschaft der Ageli schon etwas Außergewöhnliches gewesen sein. Kuriositäten auf einem außergewöhnliches Schiff. Die Umbauten auf Deck, die Erhöhung der Verschanzung durch Netze, die Beiboote, weitere Antennen und auch die Umbauten in der Jacht waren nicht unbemerkt geblieben. Aber was interessierte es diese Leute auf der Ageli so sehr? Lag es daran, dass die Blauzahn schon eine gewisse Berühmtheit erreicht hatte oder waren es die neuen Mannschaftsmitglieder?

Pet machte seinen Rundgang mit Trevor, dessen Neugierde kaum zu bewältigen war. Jedes Fleckchen wurde beschnüffelt und genau begutachtet. Die eine oder andere Markierung wurde auch schon vorgenommen. Pet spülte die immer sofort mit Wasser ab, das war Trevor aber vollkommen egal.    

Aus dem persönlichen Tagebuch des Pet Bär

Zum ersten Mal seit Beginn unserer Reise habe ich das Gefühl, auf der Blauzahn zu Hause zu sein. Beim Abendessen unterhielten wir uns alle vollkommen entspannt miteinander. Selbst die Belästigungen am Tisch durch Trevor wurde locker abgewehrt, bis er sich frustriert seinem Hundefutter zuwandte.

Gregor bot uns allen bei einer kleinen Tischrede das Du an und bat uns, dass wir ihn Greg nennen sollten. Otto hatte einen exzellenten Bordeaux als Tischwein ausgewählt und wir begrüßten unser neues Mannschaftsmitglied mit ein paar kräftigen Schluck.

In meiner Kajüte hat Trevor seinen Schlafplatz unter meiner Koje erobert. Eigentlich sollte er ja im Gang schlafen, aber da er sich an die neue Umgebung gewöhnen soll, darf er erst einmal bei mir bleiben. Die unbekannten Geräusche lassen ihn auch nicht richtig zur Ruhe kommen.

Ja, mir geht es gut. Die Anspannung, die mich seit langem gequält hat, scheint sich zu lösen. Ich habe mir eine Pfeife angesteckt. Seit über acht Monaten habe ich nicht mehr geraucht, heute war mir danach.

Durch das geöffnete Bullauge drangen die Geräusche des Hafens. Der Tabak, der Wein und die Stimmung halten mich gefangen.

Was für eine Veränderung meines Lebens. Vor ein paar Monaten wurde ich aus der Arbeitswelt entfernt. Meine Verärgerung und Wut darüber hat nicht nachgelassen. Und nun sitze ich in einer Kajüte einer Luxussegeljacht und rauche gemütlich eine Pfeife. Vielleicht kann ich ja bald diese Wut überwinden. Aber bis jetzt habe ich nur das Gefühl, sie schläft nur oder wird nur blockiert, weil ich mir so viele Gedanken darüber mache, was wohl jemanden dazu geführt hat, uns auszuspionieren. Ein paar Mal habe ich schon durch mein Bullauge zur Ageli rübergeschaut. Laute Musik und Lachen waren zu hören, aber fast kein Licht war zu sehen. Im Mondlicht konnte ich nur die Umrisse des Segelschiffes sehen, mehr nicht.

Selbst als ich mit Trevor noch einen kurzen Spaziergang über die Mole in Richtung der Ageli gemacht habe, konnte ich niemanden dort auf Deck sehen. Was war das für ein Zufall oder auch nicht?

Ich werde morgen einmal im Internet recherchieren, wem das Boot gehört. Vielleicht gibt es  etwas Erhellendes als Erklärung.

 

Am nächsten Morgen

Pet war als einer der Ersten wach. Er musste mit Trevor die Hundetoilette aufsuchen. Der Vierbeiner tat sich am Anfang schwer, die Holzkiste zu akzeptieren, aber offensichtlich wurden seine Widerstände durch die verführerischen Düfte, die man in den Sand eingebracht hatte, überwunden.

Pet holte sich eine Tasse Tee aus der Kombüse und ging auf Deck. Oben am Steuerstand saßen schon Greg und Lars beieinander. Während Trevor nun alleine das Schiff für sich eroberte, beobachteten die Drei das Treiben auf der Ageli. Lars hatte Greg bereits über die Geschehnisse der letzten Tage informiert.

Von der Gangway hörten sie aufgeregte Rufe und dann das sonore Gebell von Trevor. Das klang allerdings nicht freundlich. Pet stieg hinunter und dort standen zwei der Werftarbeiter am Schanzkleid neben der Gangway. Trevor hatte sie zwar aufs Schiff gelassen, als sie aber nach unten gehen wollten stellte er sie und ließ sie weder vor noch zurück. Pet reichte den beiden die Hand und lobte Trevor. So erreichte er, dass die Zwei sich nun frei bewegen konnten aber Trevor trotzdem wusste, dass er seinen Job gut gemacht hatte.

Pet blieb mit seinem Hund an der Gangway stehen. Jeder der Werftmitarbeiter wurde mit Handschlag begrüßt und Trevor beschnupperte jeden. Danach konnten sie sich ungehindert auf dem Boot bewegen.

Auf der Mole, etwa zwanzig Meter von der Gangway entfernt, hatten eine Frau und ein Mann unbemerkt die Szenerie beobachtet.

Gegen Mittag kam dann eine kleine Abordnung von der Ageli. Der Kapitän und zwei weibliche Mannschaftsmitglieder - oder vielleicht waren es auch nur Gäste auf der Jacht -  standen unten an der Gangway und wollten sich vorstellen. Lars begrüßte sie, bat sie an Bord und führte sie in die Messe. Greg war schon dort und die Vier setzten sich zu ihm.

Lars hatte sich an Deck schon vorgestellt. Das ist .. wollte Lars den Pater vorstellen, der übernahm aber sofort das Wort, bevor Lars zu Ende sprechen konnte. Greg, einfach nur Greg." Der Kapitän der Ageli übernahm es, sich und seine beiden Begleiterinnen vorzustellen. Mein Name ist Ben Miller, Kapitän und Inhaber der Ageli. Das ist Melanie Stirner, meine Assistentin und das ist Sophia Merion, erster Offizier der Ageli. Greg reichte zuerst Melanie Stirner die Hand. Eine etwa ein Meter sechzig große, brünette vollschlanke Frau. Was Greg sofort auffiel waren ihre wunderschönen braunen Augen, die sie für ihn -gepaart mit ihrem warmen Lächeln - sofort zu einem sympathischen Menschen machte. Dann wandte er sich an Sophia Merion. Die erste Offizierin hatte wie der Kapitän der Ageli eine weiße Uniform an. Greg schätzte sie auf etwa ein Meter siebzig. Sie war schlank, hatte hellblonde lange Haare, die zu einem Zopf gebunden waren und graugrüne Augen. Beide Frauen waren um die vierzig Jahre alt. Dann reichte Greg dem Kapitän Ben Miller die Hand. Miller´s Alter war sehr schwer zu schätzen. Er war zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt, hatte graue kurze, schon etwas schüttere Haare. In seiner Uniform wirkte seine schlanke mindestens ein Meter achtzig große Figur beeindruckend, selbst für einen Mann wie Greg, der sich von nichts sehr schnell beeindrucken ließ.

Melanie Stirner übernahm sofort die Gesprächsführung. Sie himmelte Greg förmlich an, als sie mit ihren fast harmlos wirkenden Fragen begann. Greg, welche Funktion haben Sie hier auf dem Boot? Und seit wann sind sie dabei? Bevor er antwortete, bot Lars seinen Gästen Getränke an. Als der Kaffee, den alle drei trinken wollten, auf dem Tisch stand, antwortete Greg. Ich bin einfach nur Matrose hier. Etwas Erfahrung habe ich in der Seefahrt, aber auf so einer Jacht muss fast jeder alles können. Ich bin noch nicht allzu lange dabei. Er blinzelte dem Kapitän kurz zu, der meinte, ihn zu verstehen. Lars entschuldigte sich daraufhin kurz bei den Gästen, um nach draußen zu gehen. Dort rief er die Mannschaft zusammen, um sie darüber zu informieren, dass sie Gäste von der Ageli zu Besuch hätten und dass Greg keine Auskunft über seine Person oder seinen Berufsstand geben wollte. Auch wollte man nur sehr spärlich Auskunft geben, da man ja nicht wisse, welches Geheimnis sich hinter der Mannschaft der anderen Jacht versteckte.

Als Lars in die Messe zurückkam, war Greg gerade dabei, eine weitere Frage der kleinen Brünetten zu beantworte. Ja eine Mönch war zu Besuch hier, ist aber schon wieder weg. Obwohl auf so einem Schiff sicher himmlischer Beistand schon manches Mal notwendig werden könnte. Und man sagt ja dem Berufsstand der Kirchenleute nach, dass sie eine etwas engere Beziehung zu den himmlischen Mächten hätten. Aber der Kapitän kann Ihnen Ihre Fragen zu den technischen Daten der Blauzahn sicher besser beantworten als ich, sehr gehrte Frau Stirner. - Sagen sie doch Melanie zu mir, das sollte eine solche Unterhaltung doch etwas erleichtern. Wissen Sie, wir haben schon ein paar Berichte über Sie im Fernsehen gesehen. Und nun sehen wir die Blauzahn wie durch ein Wunder live hier vor Anker." Sie wandte sich an Lars: "Herr Kapitän, ich hatte Greg schon gefragt, wie groß die Blauzahn ist und wie viele Männer die Mannschaft bilden. Der sah Melanie an und begann die technischen Daten herunterzubeten. Er betonte, dass die Blauzahn eines der modernsten Segeljachten der Welt sei und dass man mit einer sehr geringen Mannschaft auskommen würde, da man fast alles mit ein paar Handgriffen auf elektrischem Wege vom Steuerstand aus regeln könne. Ben Miller und Sophia Merion hörten interessiert zu, stellten aber selbst keine Fragen. Sie hatten wohl gemerkt, dass Melanie Stirner die Sympathie von Lars hatte und wollten den Redefluss nicht unterbrechen. Als aber die Frage kam, ob man denn die Blauzahn besichtigen dürfe, lehnte Lars dies mit der Begründung ab, dass ja die Reparatur und die Umbauarbeiten noch in vollem Gange seien. Man wollte den sehr engen Zeitrahmen, den die Werft zur Verfügung hatte, nicht noch dadurch behindern, dass man den Handwerkern im Wege herumstehen würde. Selbst das nun fast schon schmachtende Lächeln, das Melanie aufsetzte, konnte Lars nicht von seinem  klaren Nein abbringen. Als er aber nun seinerseits Auskünfte über die Ageli haben wollte, gaben die drei ausweichend vor, dass sie nun doch schon gehen müssten, da man noch dringend einige Dinge zu erledigen hatte. Unvermittelt standen sie auf und ließen sich von Lars zur Gangway geleiten. Man reichte sich die Hände, abschließend stellte der Kapitän der Ageli noch die Frage nach dem großen Hund. Wo haben sie denn Ihren prächtigen Hund gelassen? Ist der nicht an Bord? Ich würde ihn gerne mal sehen. Ja den würde ich auch gerne einmal sehen und streicheln. meinte Sophia Merion. Er ist unterwegs, auch so ein Hund braucht seinen Auslauf. meinte Lars. Und damit war der Besuch beendet.

Ein wenig später kam Otto mit der Mannschaft des Learjet, die er zusammen mit Trevor und Pet in Empfang genommen hatte. Pet und Trevor waren etwas zurückgeblieben, da der Bewegungsdrang des Vierbeiners noch befriedigt werden musste.

Der Flugkapitän übergab Lars einen Koffer. Dort drin befanden sich neue SIM Karten für die Handys und CDs mit einer neuen Software für die Computer der Mannschaft. Eine der Flugbegleiterinnen entpuppte sich als IT-Spezialistin und sollte den Ausspähversuch, den man unternommen hatte, nun mit neuer Soft- und Hardware beenden. Sie machte sich umgehend an die Arbeit. Jeder, der einen PC, Laptop oder Tablet hatte, wurde aufgefordert, zusammen mit der IT-Dame die neuen Programme einzuspielen. Das Ganze dauerte bis in den späten Nachmittag.

Inzwischen waren auch die Kisten mit der neuen Ausrüstung unter Deck gebracht wurden. Otto, Pet und Alberto hatten alles nach unten getragen und in einem der freien Kajüten, die als Lager genutzt wurden, ausgepackt. Man hatte ihnen zwei Pistolen Walter PPQ mit einhundert Schuss Munition und ein Sig Sauer Jagdgewehr mit fünfzig Schuss Munition geschickt. Dazu noch zwei Harpunen für die Unterwasserjagd. Außedem weitere Leuchtpistolen mit Munition und noch zwei Jagdmesser. Dann waren noch Medikamente für Tropenerkrankungen, Verbandsmaterial, Medikamente und einige weitere medizinische Geräte dabei, die Gerrit bestellt hatte. Weitere Ferngläser, ein Nachtsichtgerät , Schwimmwesten mit dem Namen der Blauzahn und weitere kleinere Ausrüstungsgegenstände wurden ausgepackt. Belustigend fanden Otto und Alberto die Hundeschwimmweste und die Masse an Hundefutter, die sie auspackten. Die IT war auch wieder auf Vordermann gebracht und die Frischwasser Bunker und die Dieseltanks waren voll. Die Blauzahn war reisefertig.

Nachdem alle Fremden die Blauzahn verlassen hatten, fuhr das Schiff aus der Werft in den Jachthafen. Von dort aus wollte man am nächsten Morgen starten und die Reise fortsetzten.

Um 23.00 Uhr waren die Lichter gelöscht und alle lagen in ihren Kojen. Trevor machte es sich inzwischen auf der Türschwelle zu Pet´s Kajüte zum Schlafen bequem.

Gegen 4.00  Uhr morgens wurde Pet durch Bellen geweckt. Zuerst dachte er, Trevor wollte raus, weil er einem dringenden Bedürfnis nachgehen wollte. Aber der Vierbeiner ging nicht in Richtung seiner Toilette, sondern zum Aufgang. Pet entriegelte die Tür zum Deck und ließ Trevor hinaus. Der schnupperte zuerst ziellos vor der Türe herum, dann lief er eher gemächlich backbord zum Bug der Blauzahn. Auf der Höhe des Masten blieb er stehen, legte die Vorderpfoten auf die Verschanzung und begann zu bellen. Pet hatte leider weder seine Kontaktlinsen eingelegt noch eine Brille aufgezogen. Also musste er zuerst zurück in seine Kajüte um seine Brille zu holen, damit er sehen konnte, was Trevor so erzürnte. Inzwischen war auch Alberto aufgewacht und stand schon im Gang. Er ging mit Pet nach oben. Der Hund stand immer noch übers Schanzkleid gelehnt und bellte in die Dunkelheit. Alberto schaltete seine kleine Taschenlampe an, die er mitgebracht hatte und leuchtete in den dunklen Hafen hinein. In die Richtung, in die Trevor bellte. Schon fast hinter einer Hafenmole verschwindend sahen sie gerade noch eine kleines Schlauchboot, wie es sich davonmachte. Pet gab dem Hund die Anweisung sein Bellen einzustellen. Der kam dieser Anweisung auch nach der dritten Aufforderung nach. Dann waren auch die anderen da. John hatte eine große Handleuchte dabei und leuchtete noch einmal ins Hafenbecken hinaus. Da war nichts mehr zu sehen. Was er aber beim weiteren Ausleuchten sah, ließ den Verdacht aufkommen, dass Trevor nicht umsonst und ohne Grund gebellt hatte. Dort, wo er sich übers Schanzkleid gebeugt hatte, sah man, dass jemand den Lack mit einem scharfen Gegenstand vom Holz gekratzt hatte. Enterhaken? meinte Alberto und alle anderen nickten nur dazu. Jemand war an Deck gekommen oder hatte es auf jeden Fall versucht.    

Aus dem Tagebuch des Otto Kraz

Was für ein verrücktes Leben. Es wühlt auf. Aber es beruhigt andererseits auch. Es dehnt die Zeit. In manchen Momenten scheint sie stehen zu bleiben. Erstaunlich. So ein Abenteuer relativiert offensichtlich Zeit und Gefühle. Und es setzt Fantasie im Kopf frei. Letzte Woche fiel mir noch keine Geschichte für meine Enkel ein. Ich musste ihnen vor meiner Abfahrt versprechen, dass ich auf meiner Reise immer mal wieder eine Geschichte erfinden würde, um sie auf Soundcloud hochzuladen. Damit sie ihren Opa wenigstens hören können. Welch unglaubliche Zeit für Erzähl-Opas. Du sitzt am Meer, hast ein Smartphone in der Hand und erzählst deine Geschichte. Und dann: Upload. Und fertig. Großartig. Deine Enkel sitzen später zu Hause im Bett und hören Radio-Opa. Oh ja, schon gut. Ich höre die Kritiker meiner Generation: "Früher hat man auch nicht solch einen Schnick-Schnack gemacht. Man hat direkt aus einem Buch vorgelesen. Jawoll." Leute, entspannt euch, manchmal sind Opas einfach zu weit weg. Und das Internet ist direkt nebenan. Klar, ich weiß. Gefahren. Abhängigkeit. Zukunft. Man weiß nicht, wo das alles noch hinführen wird. Aber mal ganz ehrlich. Bei der Dampfmaschine wusste das auch niemand. Ich finde auf alle Fälle: Auch Erzähl-Opas dürfen soundcloud. Jawoll.


Fortsetzung folgt

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