Kapitel 14

Da stand er, der Benediktinerpater Gregor in seinem schwarzen Habitus. Der Seesack, den er neben sich abgestellt hatte, sah allerdings nicht aus, als ob er für einen Mönch auf Wanderschaft gefertigt worden war. In Marineblau und mit Schultergurten und prall gefüllt. Er hatte noch eine große Multifunktionstasche in Signalrot geschultert. Außerdem eine Notebooktasche, die er in der linken Hand trug. Alles sehr modern und außer seiner schwarzen Kutte deutete nichts auf einen Geistlichen hin.

Das war er also, der Mönch, der auf der Suche nach einer neuen Lebensaufgabe war.

Lars hielt das Handy weiter mit der linken Hand fest umklammert und winkte Pater Gregor mit der anderen zu sich auf die Blauzahn. Als der Pater beim Kapitän angekommen war, konnte dieser sein Telefongespräch mit dem Anwalt beenden. "Herzlich willkommen an Bord", sagte Lars. Man spürte, dass er sehr angespannt war. Jan kam zufällig hinzu und übernahm es, den Mönch nach unten zu führen und den anderen vorzustellen.

Lars war verzweifelt. Irgendjemand hatte sich offensichtlich in ihr System eingehackt, um an die Informationen für den Umbau zu kommen. Aber warum? Und was hatten die Elektriker gemacht? Die neuen Steckdosen waren ein Indiz dafür, dass etwas Ungereimtes dahinterstecken musste. Was wollten diese Leute? Der Anwalt hatte ganz klar Anweisung gegeben, keine Polizei einzuschalten. Warum denn das? Was war mit dem Schiff los, dass sie keine Anzeige erstatten sollten?

Rund um ihn herum entstand wieder Bewegung. Die Handwerker von der Werft holten Material auf die Blauzahn. Die Umbauarbeiten gingen unheimlich schnell voran. Wilhelm kam kurz bei ihm vorbei, um ihm mitzuteilen, dass die Motoren nun kurz für einen Test gestartet werden würden. Der Kapitän legte seine Gedanken einfach irgendwo weit hinten in seinem Kopf ab, um sich dem Umbau und der Begrüßung von Pater Gregor zu widmen. 

Der Test verlief sehr gut. Der Klang der Maschinen hatte sich stark verändert. Daraus schlossen Wilhelm und auch Lars, dass hier schon einiges mehr an Kraft dahinter stecken würde als vorher. Die Monteure von MAN machten sich nun parallel daran, die Elektronik und die Anzeigen zur Motorensteuerung neu einzustellen.

Die zusätzliche Dusche und das WC waren bis auf ein paar kleinere Installationen fast fertig. Die Hundetoilettenbox wurde gerade mit einem speziellen Sand befüllt, um dann den Reinigungsvorgang zu testen. Lars grinste. Eine perfekte Installation für das große und kleine Geschäft eines Hundes. "Wer hat sich denn so etwas einfallen lassen?" fragte er. Der Monteur meinte nur:  Deutsche Ingenieurskunst, was sonst! Lars musste laut auflachen. Diese Deutschen und ihre Hunde, sie bedienten doch gerne alle Klischees. Perfektion selbst bei großen und kleinen Hundegeschäften.

Aus dem persönlichen Tagebuch von Pet Bär

Es ist nun fast Mitternacht. Meine Schlaflosigkeit quält mich mehr denn je. Gerne würde ich mich wie die anderen einfach aufs Bett werfen und einschlafen. Die Ereignisse dieses Tages lagern noch unsortiert in meinem Kopf. Ich sollte  versuchen, sie zu ordnen und dann in einer Schublade verschwinden zu lassen. Wie viele Schubladen hat ein Kopf?

Die Umbauarbeiten sind noch nicht ganz beendet. Morgen nachmittag will man mit allem fertig sein und dann soll übermorgen die Endkontrolle und die Abnahme durch  die Werftleitung vorgenommen werden. Wie schnell das alles geht? So etwas wünscht man sich im Privaten auch einmal. Handwerker kommen und machen ihren Job. Einfach so.

Die Elektriker und ein Ingenieur der Werft haben die Arbeiten der unbekannten Monteure überprüft. Sie haben fünf versteckte Kameras und Mikrofone gefunden. Und einen Sender. Außerdem wurde im Computerserver der Blauzahn noch ein unbekanntes elektronisches Bauteil entdeckt, dessen Sinn und Zweck niemand erkennen konnte. Damit ist uns allen klar, dass uns jemand ausspionieren will. Aber das "Warum" fehlt komplett. Ich könnte mir vorstellen, dass es irgend eine journalistische Schweinerei ist, damit jemand exklusiv und sehr zeitnah von unserer Reise berichten kann. Nur warum? Es gibt so viele Jachten, die die Welt umsegeln. Wer hat wohl ein Interesse daran, genau uns zu beobachten?

Der Neue, Pater Gregor, hat sich beim Abendessen nochmals bedankt, dass wir ihn so herzlich aufgenommen haben. Er ist in einer wenig mönchischen Kleidung zum Essen erschienen. Barfuß, weiße Leinenhose und ein schwarzes T-Shirt, allerdings mit einem aufgestickten grauem Kreuz. Auffällig an ihm ist, dass er fast keine Mimik im Gesicht zeigt. Immer ein leichtes Lächeln, sonst aber wenig Veränderung. Dafür sprechen seine Hände sehr aktiv mit, wenn er etwas zu sagen hat. Seine Hände sind schwielig, aber nicht groß. Als ob er es nicht gewohnt ist, mit den Händen zu arbeiten. Die hätten sonst durch körperliche Arbeit eine andere Form bekommen.

Otto und Wilhelm waren heute beim Essen sehr ruhig. Eigentlich ist es immer an ihnen, die Unterhaltungen bei Tisch in Gang zu bringen. Dieses Mal nicht. Otto beantwortete mir meine Frage bezüglich seiner Schweigsamkeit damit, dass der Weinkühler die Temperatur für den Riesling nicht halten konnte und dass der Wein deshalb zu warm sei. In seinem Gesicht konnte ich aber lesen, dass das nicht die wirkliche Erklärung war. Mit solchen Banalitäten konnte man ihn nicht zum Schweigen bringen.

Meine Kajüte liegt weit vorne Richtung Bug und daneben hat man die Sanitäranlage für meinen Hund eingebaut. Gegenüber ist der Mönch einquartiert. Jeder von unserer Mannschaft lässt seine Kajütentür offen, außer man geht schlafen oder will wirklich ganz alleine für sich sein. Der Pater kennt diese Gepflogenheit noch nicht. Er hatte dauernd seine Tür zugeschoben.

Morgen kommt Trevor. Ich freue mich auf meinen Vierbeiner, habe aber auch ein wenig Angst um ihn. Wie wird er sich in diese neue Situation einfinden, wie wird er mit den Mannschaftsmitgliedern auskommen und wie wird er mit der Hundetoilette zurecht kommen?

Jemand hat gerade die Beleuchtung im Gang auf Notbeleuchtung geschaltet. Mitternacht. Ich versuche nun zu schlafen.   

 

Tag drei in der Werft

Lars und Jan wollten gemeinsam mit Pet zum Flughafen fahren. Lars hatte sich einen Lieferwagen ausgeliehen und so machten sich die drei kurz nach dem Frühstück auf, den Hund und die Spezialausrüstung abzuholen. Der Anwalt hatte der Crew mitgeteilt, dass ein Learjet das Gewünschte bringen würde. Die drei durften bis zum Frachtbereiches des Flughafens fahren. Vor einem Hangar stand ein Learjet mit einer dänischen Kennung OY. Dorthin wurden sie mit ihrem Fahrzeug vorgelassen. Unten an der kurzen Gangway stand der Flugkapitän mit seinem Kopiloten. Gerade wurden aus dem Bauch des Fliegers drei größere Kisten entladen. Als Pet aus dem Lieferwagen ausstieg, rief der Flugkapitän laut über seine Schulter etwas nicht zu Verstehendes in den Flieger hinein. Daraufhin erschien zuerst eine große schwarzblonde Schnauze in der Flugzeugtüre, dann Trevor in seiner ganzen Größe. Er nahm erst einmal Witterung auf, konnte aber offensichtlich nicht weitergehen. Er war angeleint und am anderen Ende der Leine hing eine etwas verzweifelte Stewardess. Pet rief nach seinem Hund. Ein großer Fehler. Denn der nahm Witterung und Blickkontakt zu seinem Herrn auf und 46 Kilogramm geballte Muskelkraft zerrten die Stewardess aus der Luke. Die Gangway war für ihn ein kleines lästiges Hindernis, die Stewardess  indes uninteressant. Im Flug aus der Türe ließsie die Leine los, um in den Armen des Piloten zu landen. Trevor hatte seinen Herrn erreicht und zeigte, wie freundlich Hundemuskeln sein konnten. Sie balgten sich übermütig. Trevor´s Freude kannte keine Grenzen. Pet wurde mit der Zunge abgeschleckt und mit den Pfoten liebevoll aufgekratzt. Währenddessen verlud man die drei Kisten in den Transporter. Lars wollte den Inhalt kontrollieren, aber der Flugkapitän brachte ihn davon ab. Er meinte nur: Da ist die Spezialausrüstung drin und die sollten wir doch sicher hier nicht öffentlich zeigen. In der großen Plastikbox ist das Hundefutter und die Seeausrüstung für die Bestie. Ich sage euch eines, den Kerl nehme ich nur noch sediert mit in meinem Flieger. Der hat ein unglaubliches Temperament. Und Kraft. Bis wir den in der Hundebox hatten. Wir sind erst eine halbe Stunde nach dem geplanten Abflug losgekommen. Der ist ja nicht mal mit Schnitzel bestechlich. Erst als mein Kollege einen weißen Kittel angezogen hat, wurde er friedlich. Hat wohl Angst vor Ärzten? Ich komme später zur Werft. Ich muss Ihnen noch ein paar Dokument übergeben. Und neugierig sind wir natürlich auch. Wir wollen die Blauzahn besichtigen, wenn wir dürfen.

 

Auf der Blauzahn

Da die Werftmitarbeiter noch an Bord waren, konnten die Kisten nicht über die Burgluke nach unten gebracht werden. Deshalb mussten sie geöffnet werden. In Koffern und Kartons verpackt war deren Inhalt für Beobachter nicht zu erkennen. Lars ließ sie vor das große Beiboot auf Deck aufstapeln und mit einer Plane bedecken. Die Hundeausrüstung wurde für alle sichtbar ausgepackt und jedes Teil einzeln nach unten in den neuen Hundesalon getragen. Fünfzig Kilo in zehn  Säcken verpacktes Hundetrockenfutter. Eine Hundeschwimmweste, Gurte und Laufseile für das Deck. Hundekissen. Und Sand für die Hundetoilette sowie Aromastoffe, damit Trevor auch Lust" bekommen würde, nur dort sein Geschäft zu verrichten. Das benötigte man aber nur so lange, bis er sich daran gewöhnt hatte.

Inzwischen hatte eine andere Jacht neben der Blauzahn in einem Abstand von zehn Metern festgemacht. Ein Schoner, zwei Masten, ca. fünfunddreißig Meter lang. So wie die aussah, meinte Lars, der sie von der der Blauzahn aus begutachtete, war sie hochseetauglich. Sicher nicht so hoch technisiert wie die Blauzahn, aber ein verdammt schmuckes Boot. Der vordere Masten war angebrochen und wurde repariert. Auf Deck tummelten sich einige Leute, Männer und Frauen. Nach der Fahne zu urteilen, war sie in Italien beheimatet und ihr Name prangte in goldbraunen Buchstaben an der Seite: Ageli. Oben beim Steuer hatte John die Ageli mit seinem Fernglas begutachtet. Sehr unauffällig holte er Lars und Pet zu sich. Er hatte für die beiden eine Nachricht auf einen Zettel geschrieben. "Am Bug -  Mann blond mit Bart angelehnt an der Reling kommt mir bekannt vor - sieht aus wie einer der Elektriker, die die Kameras und Mikrofone montiert haben. "

Pet und Lars wollten jetzt nicht so auffällig hinüber starren. Sie gingen nach unten. Auf dem Zwischendeck in der Messe waren die Seitenscheiben so verspiegelt, dass man von außen nicht hineinsehen konnte. Von dort aus richteten sie ihre Ferngläser auf den Punkt, den John ihnen beschrieben hatte. Sie erkannten den Mann sofort wieder. Zwar hatte er an Bord der Blauzahn immer eine Kappe getragen, aber da drüben stand ohne Frage einer der geheimnisvollen Elektriker und er richtete auch noch eine lange Stange in Richtung Blauzahn. Was war das denn für eine Aktion, dachten alle drei.

Pet, komm bitte sofort zu mir, sofort!rief Marc aus der Kombüse. Pet rannte hinunter in die Küche und sah, was den Küchenchef so aufgebracht hatte. Trevor hatte die Kombüse entdeckt und wollte sich in seiner herzlichen Art mit Marc und dem Kühlraum anfreunden. Und Marc hatte nicht den Mut, Trevor am Halsband zu schnappen und aus  dem Küchenbereich hinauszuwerfen.

Pet packte seinen Hund und schob ihn Richtung Deck. Der musste jetzt erst einmal seinen wirklichen "Arbeitsbereich" kennen lernen.

Also Rundgang mit Vierbeiner über und unter Deck. Als Pet mit Trevor auf Deck entlang ging - für die Leute von der Ageli gut sichtbar - wurde es dort unruhig. Fotoapparate wurden gezückt und weitere Ferngläser geholt und auf die Blauzahn gerichtet. Pet fragte sich unwillkürlich, wem diese Aufmerksamkeit jetzt wohl galt?

Aus dem Tagebuch des Otto Kraz

Liebes Tagebuch. Eigentlich habe ich mich ja zu dieser Reise überreden lassen, weil ich ein wenig Angst hatte, mich ohne Job nicht mehr so wohl zu fühlen wie in den Berufsjahren davor. Man liest so viel von Altersdepression. Keine Lust auf so etwas. Ich hatte davon geträumt, hier an Bord einer hochtechnisierten Jacht viel Zeit zum Lesen und zum Schreiben zu haben und meiner alten Leidenschaft frönen zu können, eigene Kleidung zu entwerfen. Reduziert auf ein einziges Thema: Westen.  Und natürlich, um mit Gleichgesinnten und einem guten Glas Rotwein an Deck zu sitzen, dem Sonnenuntergang zuzusehen und über das Leben an sich zu philosophieren. Und jetzt? Jetzt stecke ich irgendwie mitten in einem undurchsichtigen Abenteuer mit versteckten Mikrofonen, einem geheimnisvollen Mönch und einer völlig unerwarteten öffentlichen Aufmerksamkeit für unsere segelnde Alterskohorte. Emotional aufgewühlt statt kreativ geruhsam würde ich meinen derzeitigen Gemütszustand bezeichnen. Ich scheine statt in den Ruhestand in einen Roman gerutscht zu sein. Auf alle Fälle: Kein bißchen Zeit für Altersdepression. Bin äußerst gespannt, wie sich die Sache entwickeln wird. Mein Kopf spricht pausenlos mit sich selbst und hatte heute beim Essen kaum noch Kapazitäten frei, sich mit den anderen am Tisch zu unterhalten.

 

Fortsetzung folgt

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Kommentare: 1
  • #1

    Blanka (Sonntag, 17 Mai 2015 23:26)

    Die Geschichte finde ich sehr gut sie macht mich auch neugierig wie sie weiter geht. Macht weiter soo der Mönch hat auch was geheimes an sich . Die Spannung wächst.