Kapitel 13

Das Meer und der Wind hatten offensichtlich die Lust verloren, die Blauzahn und ihre Mannschaft weiter zu ärgern. Ab 21.00 Uhr konnte man Essen fassen. Der Hunger hatte Oberhand über allen Ärger, alle Schürfwunden und die Müdigkeit gewonnen.

Gerrit hatte die Platzwunde an der Stirn von Jose genäht. Was ihm wirklich Probleme bereitete, war ein Bluterguss auf seiner echten Wange. Der Kiefer schmerzte Jose, aber der Hunger und vor allem ein Schmerzmittel brachten ihn dazu, doch ein paar Bissen vom Kartoffelauflauf hinunterzuwürgen.

Lars hatte sich hingelegt, damit er ab Mitternacht gemeinsam mit Otto und Jan die Schicht bis 8.00 Uhr übernehmen konnte. John hatte mal wieder bewiesen, wie zäh und ausdauernd er war. Seit über 12 Stunden auf den Beinen steuerte er nun zusammen mit Alberto und Gerrit sehr nah unter Land die Blauzahn an der portugiesischen Küste entlang. Außer hell und dunkel, Hunger oder Durst, müde oder wach hatte keiner mehr ein Gefühl für die Zeit.

Irgendwo an der Küste müssten bald die Lichter von Cadiz auftauchen. Der Nieselregen verhinderte aber eine gute Sicht. Stunde für Stunde verstrichen. Lars steuerte die Blauzahn seit Stunden, die Kraft für das Vorwärtskommen kamen von den beiden Maschinen. Bald mussten sie die Straße von Gibraltar erreichen. Lars meinte zu Otto, dass sie laut Wetterkarte guten Wind hätten, sodass sie unter Segel gegen die Strömung, die aus dem Mittelmeer in den Atlantik lief, ankämpfen könnten. Um 8.00 Uhr wurden alle Segel gesetzt und die Blauzahn lief in die Straße von Gibraltar ein. Sie musste leicht kreuzen, um die Winde ausnutzen zu können, aber Alberto und Wilhelm waren inzwischen darin schon geübt. Etwa zehn Meilen nach dem Felsen von Gibraltar klarte es auf und um 10.00 Uhr fingen sie die ersten warmen Sonnenstrahlen ein. Lars schätzte, dass sie Palma gegen 21.00 Uhr erreichen würden. Es wurde 21.15 Uhr.

Wie bestellt, standen am Jachthafen ein Fünf-Mann-Team bereit, um die Blauzahn festzumachen und die Versorgungsleitungen für Wasser und Strom anzuschließen. Lars gab kurz bekannt, dass in ein paar Minuten ein Cateringservice etwas zu essen bringen würde und dass für heute bis zum kommenden Morgen einfach nur eines auf der Tages- oder besser gesagt Nachtordnung stehen würde: Pause, Ausruhen, Wunden lecken, Essen und Schlafen.

Tatsächlich kam nach zwanzig Minuten ein Essensteam mit einem fertigen Menü und einigen Fläschchen eiskaltem Bier. Nach einer halben Stunde waren alle Speisen aufgegessen, kein kühles Bier mehr vorhanden. Die Servicemitarbeiter räumten sogar die Küche auf. Und um 22.30  Uhr lagen alle in ihren Kojen. Keiner hörte die Partystimmung, die sich bis in den frühen Morgen lautstark im Hafen breitgemacht hatte. Selbst Pet und Otto, die beide unter der sehr seltenen Eigentlich-geht-es-auch-ohne-Schlafen-Krankheit litten, hörten in dieser Nacht nichts.

Marc spürte in den frühen Morgenstunden, dass sich die Blauzahn anders bewegte, wie er es in den letzten Tagen gewöhnt war. Er stand auf, zog sich an und ging an Deck. Oben standen Lars und Alberto hinter dem Steuer. Das Steuer wurde aber von einem Unbekannten bedient. Lars bemerkte ihn und klärte die Sache auf. Wir werden für die Reparatur und ein paar Umbauarbeiten in eine Werft geschleppt. Das hier ist ein Werftmitarbeiter. Du musst nichts machen. Schau mal in der Messe nach. Man hat uns Kaffee,Tee, ja eigentlich ein komplettes Frühstück geliefert. Steht alles bereit. Kannst du bitte die anderen wecken. In ein paar Minuten sind wir in der Werft und ich würde gerne beim Frühstück ein paar Dinge mit euch allen besprechen. Marc nickte und ging nach unten, um die anderen zu wecken.

Beim Frühstück, die Blauzahn lag schon in der Werft, erklärte Lars, was nun in den nächsten zwei bis drei Tagen passieren würde.

Zuerst wird der Schaden an der Ruderanlage repariert. Im vorderen Teil wird für unser etwas anderes Bordmitglied eine Toilette eingebaut. Ja meine Herren, ich spreche von einer Hundetoilette. Da der Vierbeiner ja keine Raumhöhe von ein Meter neunzig benötigt, wird der Kabelkasten umgebaut. Ich weiß noch nicht, wie das aussehen wird, aber man hat da offensichtlich schon Erfahrung damit.  Der Schaden am Schanzkleid wird ebenfalls repariert. Und über dem Schanzkleid wird noch ein sechzig Zentimeter hohes Fangnetz rundum angebracht. Damit ist dann die Blauzahn noch besser abgesichert. Nicht nur dagegen, dass jemand über Bord geht, sondern es wird dann auch nicht so einfach sein, an Bord zu kommen. Auch eine weitere Dusche und eine zusätzliche Toilette wird eingebaut. Und meine Freunde, die Motoren werden getunt. Irgendjemand muss meinen Geburtstagswunsch weitergegeben haben. Unser neues Crewmitglied wird übrigens morgen eintreffen. Übermorgen wird unser Wachhund - Pet, dein Trevor - mit der Sonderausstattung hier ankommen. Wir werden noch informiert, wann der Learjet am Flughafen eintrifft. Ich muss schon sagen, so wie das alles organisiert ist und was wir alles an neuer Ausstattung bekommen und vor allem in so kurzer Zeit, das grenzt schon an ein Wunder. Oder jemand hat da ganz viel Geld in die Hand genommen, um das alles zu ermöglichen. Zuerst waren die meisten sehr erstaunt über das, was in den nächsten Tagen passieren würde, aber dann klatschten alle begeistert in die Hände.

Da die Handwerker und Werftarbeiter an Bord waren und keiner der Blauzahncrewmitglieder etwas Sinnvolles tun konnte, machten sie, bis auf Wilhelm, einen Ausflug ins Inselinnere. Wilhelm wollte wegen seinem Motor zurück bleiben. Um 13.00 Uhr rückten drei Mann von MAN an, die die Motoren teilweise auseinander nahmen, um dann neue Teile einzubauen. Sie hatten die Vorgabe, die Restaurierung der beiden Diesel innerhalb von dreißig Stunden durchzuführen. Wilhelm musste trotz einer grundlegend kritischen Grundeinstellung erkennen, dass da drei absolute Profis am Werk waren. Auch die anderen Werftmitarbeiter verstanden ihr Handwerk. Das Schanzkleid war bereits am Nachmittag repariert und die Arbeiten unter Deck gingen schnell voran. Zwei Elektriker legten teilweise neue Leitungen für die Sprechanlage, die erweitert werden sollte und die Stromversorgung für die zusätzlichen Sanitärräume. Die Hundehütte, so wurde der Umbau mit der Hundetoilette genannt, bekam eine zusätzliche Belüftung. 

Am Nachmittag waren vierzehn Handwerker an Bord. Wilhelm verlor so langsam den Überblick, welcher Werftmitarbeit für welchen Bereich zuständig war. Am Werftkai standen Paletten voll mit Material, das für den Umbau benötigt wurde. Die polierten Edelstahlpfosten für das Fangnetz lagen auch schon für die Montage bereit.

Bisher hatte man eine Schlauchboot vor dem Masten in der Mitte des Decks und eine Rettungsinsel, die in einer Art Tonne zusammengefaltet war. Nun sollte noch eine festes Beiboot mit einem Innenmotor dazukommen, die Davits dafür waren schon am Heck vorhanden. Dieses Beiboot hat eine Länge von vier Meter neunzig  und eine maximale Breite von  ein Meter sechzig. So waren Plätze auf der Rettungsinsel und den Beibooten für fünfzehn Leute vorhanden.

Die Mannschaft kam um 20.00 Uhr zurück. Außer den MAN Monteuren waren keine Fremden mehr an Bord. Unterwegs waren sie essen gegangen. Wilhelm hatte man einen gegrillten Fisch und einen Salatteller mitgebracht. Der stürzte sich wie wild darauf, denn er hatte wohl den ganzen Tag nichts gegessen, wie er selbst erstaunt feststellte. Jan zauberte noch ein paar Bier aus einer Tasche.

Dann besichtigten die Herren ausgiebig die bisherigen Arbeiten der Werftmitarbeiter. Otto und Pet mit je einem Glas Wein in der Hand, die anderen bedienten sich aus dem neuen Weinkühler, dort hatte Gerrit ein paar Flaschen Bier deponiert.

Jan wurde zu den Einbauarbeiten befragt. Er prüfte die Holzverarbeitung und meinte, da müsse noch einiges nachgearbeitet werden. Er war der Fachmann, er sah, was andere nicht sehen konnten, da ihnen der Sachverstand dazu fehlt.

John schüttelte den Kopf, weil er meinte, dass die bisherigen Einbauten doch sehr ordentlich durchgeführt worden wären.

Am nächsten Morgen um 7 Uhr waren die ersten Handwerker wieder an Bord. Marc und Otto waren schon länger wach. Für die durch den Arbeitslärm geweckten Crew stand Kaffee und Tee und ein reichhaltiges Frühstück bereit.

Wilhelm wollte zu seinen Maschinen, als er durch zwei Werftmitarbeiter aufgehalten wurde. Wir sollen hier ein paar neue Leitungen legen und die Bordelektronik überprüfen. Wilhelm schüttelte den Kopf. Nein meine Herren, da waren schon gestern Elektriker hier und haben Leitungen gelegt und sich um die Beleuchtung gekümmert. Die Männer von der Werft waren etwas irritiert und setzten sich mit der Werftleitung in Verbindung. Hier musste wohl ein Missverständnis vorliegen. Ihr Sponsor hatte der Werft den Auftrag gegeben, dann hatte es wohl eine Nachricht gegeben, dass eine andere Firma die Arbeiten durchführen würde. Gestern Abend meldete sich dann wieder der Anwalt mit dem gleichen Auftrag, ergänzt durch ein paar Änderungen. Lars wurde hinzugerufen, ob er etwas davon wüsste. Der schüttelte nur den Kopf. "Nein, soviel ich weiß, hat die Werft einen Auftrag erhalten, sonst niemand. Ich frage mal beim Anwalt nach. Das erscheint mir etwas merkwürdig.

Auch die Nachfrage ergab, dass keine andere Firma einen Auftrag erhalten hatte.

Es gab auch keinen Rapport oder sonstige Dokumentationen über die gestern durchgeführten Arbeiten. Das war sehr unüblich. Sofort wurden alle anderen Crewmitglieder dazu befragt, aber keiner wusste etwas von einer Änderung oder hatte gar einer Firma einen Auftrag für solche Arbeiten erteilt.

Pet meinte nur, dass man nun besser die vermeintlichen Arbeiten der Elektriker überprüfen sollte. Die Werftmitarbeiter wurden ausgefragt. Wer kannte die Leute, wer hatte sie wo gesehen? Keiner kannte die Elektriker, aber dafür bekam Pet genaue Angaben, wo sie überall waren.

Sie waren offensichtlich in jeder Kabine gewesen, im Steuerstand, in der Kombüse und in der Messe. Und natürlich im Aufgang. Also überall. Die Leitungen in den neuen Sanitärräumen und in der Hundetoilette waren gelegt. Die Arbeiten, die man in Auftrag gegeben hatte, waren erledigt. Aber warum waren sie in jeder Kajüte? Und warum war der Nachtrag, die neuen Auftragsbestandteile, nicht erledigt. Eine neue Antenne, eine weitere Satellitenschüssel, die größere Klimaanlage in der Messe?

Jeder überprüfte seine Kajüte. Fehlte etwas? Nein, es fehlte nichts. Nur, in jeder Kajüte waren die Netzwerkstecker neu installiert. Warum war das gemacht worden? Otto reagiert als erster. Alle Computer ausmachen oder besser, erst gar nicht anmachen. Alle Geräte vom Netzwerk nehmen.

Lars informierte den Anwalt. Während er noch telefonierte, entdeckte er unten an der Gangway einen Mann in einer schwarzen Kutte, der einen riesigen Seesack neben sich abgestellt hatte und die Blauzahn musterte. 

Fortsetzung folgt

     

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