Kapitel 12

Pet saß zusammen mit Otto in seiner Kajüte. Otto wollte wegen des Überfalls keine Pressemitteilung verfassen. Er befürchtete zu viele Probleme, wenn die Mannschaft der Blauzahn das Erlebte veröffentlichen würde. Warum hatte man keine Polizei gerufen? War es so leicht, auf die Blauzahn zu gelangen? Würde das eventuell Nachahmer motivieren? Dass Thema der Bewaffnung sollte man ebenfalls besser nicht an die große Glocke hängen.  Und auch mit der Aufnahme des Mönches in die Mannschaft wollte er noch warten. Wenn er an Bord war, dann reichte das noch für eine Pressenotiz.

Was beide aber noch mehr beschäftigte, war der Umstand, dass sie alle doch sehr wenig voneinander wussten. Dass Pater Gregor so wie sie auch eine neue Lebensplanung angestrebt hatte, wussten sie. Aber nicht warum. Warum sie selbst beide hier waren, war ihnen klar. Sie kannten sich ja schon sehr lange. Aber warum waren die andern hier? Was waren ihre Beweggründe? Gab es diese überhaupt? Wie gut kannten sie sich alle eigentlich? Jeder hatte den Lebenslauf des anderen gelesen. Ein Dokument, wie man es für eine berufliche Bewerbung verfasst, mehr nicht. Durch den Tod von Friedrich und die Begegnung mit seiner Frau und zweier seiner Kinder war es ihnen klar geworden, dass hinter jedem Mannschaftsmitglied so viel mehr steckte, als das, was man voneinander wusste. Otto meinte zu Pet. Vielleicht ist es eigentlich gar nicht wichtig. Gar nicht notwendig. Wollen wir mehr von uns preisgeben? Im Hinterkopf von beiden kreiste auch ein anderer Gedanke und andere Fragen. Ein Ordensbruder an Bord, war das so eine Art verschwiegene Vertrauensperson, ein Beichtvater für alle? War das der Hintergedanke ihres Sponsors? Sie hatten zugestimmt, dass der Mönch mit an Bord kommen sollte, aber keiner hatte sich Gedanken darüber gemacht, was der Grund war, dass dieser Mann vorgeschlagen wurde. Pet wollte nicht alleine darüber entscheiden. ob man ihren Geldgeber nicht einfach fragen sollte. Per Blauzahn-Intranet-Info ließ er den Rest der Mannschaft entscheiden. Otto hatte diese technische Möglichkeit eingerichtet. Sammelmailadresse, Intranet, damit alle die gewünschten Informationen bekamen. Jeder an Bord war mit Laptop, Notebook und Smartphone ausgestattet. Obwohl es natürlich auch kein Problem war, dass man solche Fragen bei den regelmäßigen Zusammenkünften persönlich stellen konnte, so war das ein bequemer Weg und jeder konnte seine Entscheidung unbeobachtet von den anderen treffen. Otto hatte für solche Fälle eine Seite eingerichtet. War eine Abstimmung notwendig, so konnte jeder  geheim per Knopfdruck seine Meinung kundtun.

Die einhellige Antwort war "Zustimmung". Man wollte wissen, warum der Sponsor den Ordensbruder vorgeschlagen hatte. "Aber formuliere es als Bitte.", meinte Jose.

Die Dämmerung, der Hunger und der anstrengende Tag schüttete in der Gedankenwelt der Blauzahnmannschaft diese Fragen zu. Das Wetter war umgeschlagen und der Wind frischte auf, die Wellen wurden höher und die Blauzahn kämpfte sich nur mit dem Vorsegel und Motorkraft weiter.

Immer wieder wurde das Vorschiff von Wellen überrollt und alle spürten, dass die Blauzahn mit dem Segel und dem Motor diesem Wind und den Wellen nur unter der geschickten Hand von Lars trotzen konnte. Immer wieder legte sich die Jacht nach Backbord, um sich ein paar Sekunden später erst senkrecht und dann auf einmal wieder nach Steuerbord zu legen.  Bis auf Marc und Gerrit waren alle an Deck. Einmal brüllte Lars laut in den Wind, sodass auch die Umstehenden es in Wortfetzen verstehen konnten. Zu meinem Geburtstag wünsche ich mir 500 PS mehr für die Blauzahn. Trotz der heftigen Bewegungen der Jacht kam man kaum voran. Der Wind ließ erst zur Morgendämmerung etwas nach. Die Wellen bildeten aber weiter ihre Berge und Täler.

Lars ließ nun noch das Großsegel setzen und die Motoren ausschalten. Wie von einem Katapult losgeschleudert preschte die Blauzahn nach vorne und der Bug bohrte sich in die Gipfel der Wellen, teilte sie und rauschte in das eine Wellental, um sofort wieder den Gipfel der nächsten Welle  zu erklimmen. Alles, was lose war auf dem Schiff, wanderte, flog, rollte in willkürlichem Rhythmus durcheinander. Jeder der Mannschaft suchte sich einen Halt, der dem Körper wenig Spielraum ließ, sich in eine Richtung zu bewegen, wohin man garantiert nicht wollte, nämlich ins Meer, ins kalte Nass. Alle waren schon einiges gewohnt, aber das war ein vollkommen neues Erlebnis. Alle möglichen Kräfte wirkten auf Schiff und Besatzung ein. Kein Hunger, kein Durst war zu spüren, nur ein Gefühl: "Da müssen wir durch. Und da wollen wird durch." Marc und Gerrit versuchten unter Deck jeden Fetzen Papier, jeden Topf, jede Tasse zu sichern. Lars hatte allen geraten, Schwimmwesten zu tragen. John war am Steuerrad, Jose und Alberto waren Mittschiffs beim Mast, Wilhelm und Jan standen neben John und beobachteten das Radar und den Kompass. Otto und Pet hatten den Auftrag, das Meer links und rechts zu beobachten, damit man nicht mit schwer zu erfassendem Treibgut kollidierte und Lars war überall. Alle Mann waren außer mit einer Schwimmweste auch mit Sicherheitsleinen mit dem Boot verbunden.

Otto entdeckte eine Boje, die die Größe eines Kleinwagens hatte. Auf einem kleinen Mast blinkte eine Leuchte, aber sie war nirgends verankert und war deshalb dem Spiel der Wellen ganz ausgeliefert. Man sah sie etwas dreißig Meter backbord voran und sie trieb auf sie zu. John versuchte einen Ausweichkurs zu setzen, aber die Boje erwischte die Blauzahn am Ende doch. Die Kollision war durch die Bewegungen des Schiffes fast nicht zu spüren, aber zu hören. Sie traf die Blauzahn Backbord am Heck, zertrümmerte das Schanzkleid und hinterließ ein ein Meter großes Loch in der hölzernen Verschanzung. Lars zitierte Pet und Jan unter Deck, um zu prüfen, ob die Boje ein Leck in den Rumpf geschlagen hatte. Sie konnten aber keinen sichtbaren Schaden feststellen. Pet untersuchte nun das ganze Heck unter Deck. Mit einer Taschenlampe leuchtete er jeden Winkel ab. Er entdeckte an den Verstrebungen, an denen die Seilzüge für das Ruder festgemacht waren, dass einige verbogen waren. Die Seilzüge bewegten sich, aber konnten nur noch sehr eingeschränkt in den Haltungen verschoben werden. Er rief nach Lars und Wilhelm.

Das Ruder war verbogen, die Blauzahn konnte zwar noch gesteuert werden, aber das Ruderblatt konnte man nur noch in einem Winkel von maximal 15 Grad nach Backbord und Steuerbord bewegen.  Zu dritt schauten sie sich den Schaden an. Wilhelm meinte, dass er den Schaden notdürftig reparieren könne, um die Blauzahn einigermaßen sicher zu steuern, aber die sichere und endgültige Reparatur müsse in einem Hafen oder in einem Dock durchgeführt werden. Pet und Wilhelm machten sich an die Arbeit, während Lars die anderen über den Schaden informierte. Wilhelm holte das gesamte Werkzeug, das sich an Bord befand und begann. Pet konnte in diesem Falle nur Handreichungen durchführen, aber dieser Bereich der Jacht war so eng, dass sowieso nur einer dort arbeiten konnte. Nach zwei Stunden war die Reparatur durchgeführt und die Blauzahn wieder voll manövrierfähig. Wilhelm und Pet, total verdreckt, hatten auch einige Schrammen abbekommen, da sie meist, ohne festen Halt zu finden, gearbeitet hatten und durch die Bewegungen des Schiffes immer wieder heftig an die Bordwand oder an die Streben gestoßen wurden. Gerrit kümmerte sich um die Prellungen, Blutergüsse und Schürfwunden der beiden.

Erst gegen Mittag wurde es etwas ruhiger auf dem Meer, sodass Marc wenigstens Rührei mit Speck kochen konnte. Übermüdet aber glücklich verspeisten sie immer nur zu zweit das Essen und tranken Wasser und Kaffee dazu. Der eine oder andere, der gerade nicht gebraucht wurde, döste für eine Stunde vor sich hin. Am späten Nachmittag waren dann alle an Deck und versammelten sich um Lars beim Steuerrad. Zuerst schauten sie sich nur an, bis Alberto zu lachen anfing. Das war für alle so ansteckend, dass einer nach dem anderen lauthals loslachte. Jan schrie in den Wind. Wir sind verdammt gut. Alt, aber zäh, so ein bisschen Wind und so ne doofe Boje und das Geplätscher hier kann uns nichts anhaben. Der Tag hat uns gehört.  Dann klatschen sie sich alle ab, so kräftig sie nur konnten, es sollte weh tun, sie wollten sich spüren, einfach zeigen, was für Kerle sie waren. Sie waren stolz auf sich. Felsbrocken der Erleichterung plumpsten in die aufgewühlte See. Obwohl alle gerne einen Schluck Bier oder auch einen Wein zu sich genommen hätten, keiner trank einen Tropfen Alkohol. Nüchtern und fit wollten sie dem begegnen, was da noch auf sie zukommen konnte. Alle fühlten sich verdammt gut.

Pet war der erste der unter Deck ging. Er verfasste seinen Bericht an den Anwalt und den Sponsor. Kaum hatte er die Mail abgesetzt, schlief er auf dem Stuhl an seiner Schreibplatte ein. Er wachte auf dem Boden wieder auf. Entweder war er von alleine dorthin gerutscht oder jemand war so gnädig gewesen, ihn dort abzulegen. Er hatte vielleicht zwanzig Minuten geschlafen, länger nicht und er erwachte mit steifen Gliedern. Seine rechte Hand war blutig, eine Schürfwunde am Hals war aufgeplatzt und blutete leicht. Pet musste die Schürfwunde im Schlaf berührt haben. Er hatte Durst und wankte noch etwas müde in Richtung Kombüse. Auf dem Gang begegnete er Wilhelm. Der raunzte ihn kurz an. Wo warst du denn? Hast du mitbekommen, dass wir direkt nach Palma fahren? Das sind noch gut dreißig Stunden. Cadiz fällt aus. Dann war er schon weg. Pet hörte sich selbst "so eine Scheiße" sagen - oder hatte er das nur gedacht? Erst am Aufgang merkte er, dass er nur einen Pullover anhatte und die Kleidung zu leicht war, um bei diesem Wetter an Deck zu gehen. Aber eigentlich wollte er ja auch gar nicht an Deck, sondern in die Kombüse, um etwas zu trinken. 

Dort saßen Otto und Marc zusammen und schälten Kartoffeln. Speck und Gemüse war schon fertig. Pet sagte nur ein Wort. Kartoffelauflauf? Marc nickte betroffen. Bei dieser Schaukelei kann man auch nichts Richtiges kochen, aber was Warmes brauchen wir doch. Weißt du schon, wir segeln bis Palma, Cadiz fällt aus. Pet nickte nur, griff sich ein Flasche Mineralwasser und leerte diese. Mit einem leichten Rülpser beendete er die stockende Konversation und holte sich eine dicke Jacke aus seiner Kajüte. An Deck sah er nur John und Alberto. Alberto fragte ihn sehr gereizt. Weißt du, wann es was zu essen gibt? Marc ist da wohl nicht so flott wie Friedrich? Pet gab nur sehr unwillig eine Antwort.  Wird schon, vielleicht in einer Stunde. Aber versuche doch du mal bei dem Geschaukel zu kochen. Das hat nichts mit Marc zu tun. Liegt am Wetter, an den Wellen. Kann ich dir irgendwie helfen? Sind die anderen unter Deck? Alberto hatte ihn wegen des Windes nicht gut verstanden und Pet wiederholte seine Sätze. Alberto nickte und zeigte zum Bug der Blauzahn. Dort stand Jose. Der Rest der Mannschaft war wohl unter Deck. Und Lars telefoniert mit der Werft wegen der Reparatur. Ist nichts Großes, aber es muss sein. Deshalb fahren wir direkt bis Palma durch. Das Wetter hier auf dem Atlantik macht einen ja auch nicht gerade an!

Das bedeutete noch mindestens zweiundsiebzig Stunden auf dem Meer.

Pet blieb hinter John und sicherte sich mit einem Gurt. Alberto schüttelte den Kopf und deutete auf seine Schwimmweste. Pet hatte sie vergessen anzulegen. Alberto reichte ihm eine, die Pet auch sofort anziehen wollte. Er löste dazu seine Hände von der oberen Reling. In diesem Moment überrollte eine gewaltige Welle die Blauzahn und das Schiff kippte nach Steuerbord. Pet wurde über die obere Reling geschleudert. Das Sicherungsseil bremste seinen Sturz, sodass er zwischen Ruderdeck und dem Hauptdeck auf halber Höhe benommen hängen blieb. Alberto packte seine Arme und zerrte ihn wieder hoch. Als er ihn über die Reling gezogen hatte, brülle er ihm ins Ohr. Aufpassen, immer noch mit einer Hand festhalten. Merk dir das!

John klopfte Alberto heftig auf die Schulter und deutete nach vorne. Jose war verschwunden. Alberte machte Pet klar, dass er bei John bleiben sollte und hangelte sich vorwärts. Steuerbords hing Jose im Halteseil fest. Nur bis zum Oberkörper war er gerade außerhalb vom Meer. Mit jeder Krängung nach Steuerbord tauchte er aber komplett ab ins kalte Wasser. Pet hangelte sich nun ebenfalls nach vorne, achtete aber sehr pedantisch darauf, dass er immer mit dem Halteseil gesichert war und mit einer Hand einen festen Halt fand. Alberto konnte seinen Bruder nicht alleine über das Schanzkleid ziehen. Er bekam nur einen Arm zu fassen. Gut gesichert lehnte sich Pet weit hinaus, bis er Jose an seinem Haltegeschirr zu fassen bekam und gemeinsam zogen sie Jose dann an Bord.

Sie krallten sich hinter der Verschanzung fest. Durch die ständigen heftigen Bewegungen waren sie zuerst nicht in der Lage, Jose nach hinten und dann unter Deck zu bringen. Immer wieder brachen Wellen über sie herein. Für einige Sekunden konnten sie dadurch nicht atmen.

Per Handzeichen verständigten sich Alberto und Pet. Die Minuten verstrichen und die drei waren hilflos den Elementen ausgeliefert, bis Jan und Wilhelm kamen. Erst dann schafften sie es, den ohnmächtigen Jose nach hinten zu bringen und danach unter Deck zu Gerrit.

Inzwischen war Lars wieder bei John, sodass dieser nicht alleine die Blauzahn steuern musste. Auch Otto wurde zur Unterstützung nach oben geschickt.

Gerrit kümmerte sich zuerst um Jose, der eine Platzwunde an der Stirn hatte und dann wurden die kleinen Verletzungen von Alberto und Pet behandelt. Sie hatten sich noch einige Schürfwunden an den Händen zugezogen.

Jose lag immer noch benommen auf seinem Bett. Gerrit fühlte immer wieder seinen Puls, sagte aber nichts.

Wohl doch kein guter Tag für die Blauzahn und ihre Mannschaft.


Fortsetzung folgt

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