Kapitel 11

Der Lotse kam pünktlich an Bord. Marc bot ihm eine Tasse Kaffee an, was seine mürrische Frühmorgenlaune nicht unbedingt verbesserte, aber doch nützlich war, um ihn aus seinem offensichtlichen Schweigegelöbnis zu befreien. Lars und John standen am Steuerrad, die Gebrüder Jose und Alberto lösten die Leinen und die Blauzahn fuhr mit Motorkraft  aus dem Hafen. An diesem Morgen waren außer den Motorengeräuschen, den Schreien der Möwen und dem Klatschen des Wassers an die Bordwand keine weiteren Geräusche zu hören. Fast war es zu ruhig. Schon nach einer halben Stunde verließ der Lotse die Jacht und Lars steuerte raus aufs offene Meer. Die Segel wurden gesetzt und die Motoren abgestellt. Die Blauzahn war frei und begann ihren Tanz mit Wind und Wellen. Zuerst noch etwas in südwestlicher Richtung und dann in Richtung Süden. Den Wind kam aus Nord-Nordwest und die Blauzahn legte sich leicht auf die Backbordseite.

Die gesamte Mannschaft stand an Deck. Genoss den Wind, den Tanz und das Gefühl der grenzenlosen Freiheit. Die Zwillingen blieben mit John auf Deck. John steuerte die Blauzahn und um 9.00 Uhr rief Marc alle anderen zum Frühstück.  Aber auch die  Decksmannschaft wurde gut mit warmen Brötchen und Kaffee versorgt.

Noch in der Nacht hatte Pet seinen Bericht an den Anwalt und den Sponsor verfasst und abgeschickt. Und dieses Mal hatte sich der Sponsor über den Anwalt schriftlich gemeldet. Pet las vor.

Sehr geehrte Herren, Ihre Berichte über die ersten Tage auf großer Fahrt fand ich sehr spannend. Der Angriff auf die Blauzahn heute Nacht finde ich sehr bedenklich. Er zeigt mir aber, dass man den Aspekt der Sicherheit etwas mehr an Beachtung schenken muss als zuerst gedacht. Tun Sie alles, um Ihren Eigenschutz zu erhöhen. Und wenn es sein muss, stimme ich ohne weitere Rückfrage auch einer möglichen Beschaffung einer Waffe zu. Ihr Kapitän und auch Jan Person sind in Besitz von Waffenscheinen und sind in deren Gebrauch geübt. Aber das alleine genügt nicht. Sie werden in Zukunft in Gewässern unterwegs sein und Häfen anlaufen, in denen der Sicherheitsaspekt für Sie alle und für das Schiff anders betrachtet werden muss. Machen Sie mir Vorschläge, was zu tun ist. Solange Sie noch europäische Häfen anlaufen, wird es mir ein Leichtes sein, Ihnen entsprechend Dinge zukommen zu lassen oder auch kleinere Umbauten der Blauzahn vorzunehmen, die eventuell notwendig sein sollten. Ich wünsche Ihnen allzeit gute Fahrt, einen guten Wind und weiterhin viel Erfolg.

Ihr Johann K.

Damit endete die Email. Nun wusste die Blauzahnmannschaft zumindest, dass Ihr Sponsor Johann mit Vornamen hieß, sofern der Name stimmen sollte.

Lars räusperte sich nach dem Pet's Vortrag und sagte. Freunde, ich muss euch ein Geständnis machen. Ich habe eine Waffe dabei. Eine Pistole mit dreißig Schuss Munition. Sie ist gut versteckt, sodass diese bei einer Kontrolle nicht sofort gefunden werden kann. Wobei ich bereits offiziell die Genehmigung habe, eine Waffe mitzuführen. Ich bedaure, dass ich euch nicht schon vorher darüber informiert habe. Ich hoffe, dass ihr das nicht als Vertrauensbruch anseht. Aber wir sollten die Idee aufnehmen, ob wir etwas mehr für unsere Sicherheit tun oder besser gesagt tun müssen. Ich bin kein Freund von Waffen. Wenn eine vorhanden ist, greift man vielleicht zu schnell in einer Notsituation danach, ohne eine andere Lösung zu suchen. Das Thema sollten wir gemeinsam besprechen und auch gemeinsam entscheiden. Eigentlich hatte Lars einen wütenden Aufschrei erwartet, aber das Gespräch über das Thema der Sicherheit wurde danach sehr sachlich geführt. Marc und Otto waren strikte Gegner von Waffen, wollten sich aber einer klaren Mehrheitsentscheidung jederzeit anschließen. Pet und Gerrit waren hier vollkommen unentschlossen und wollten sich neutral verhalten. Alle anderen waren der Meinung, dass eine Waffe die Sicherheit erhöhen würde. Aber eine Waffe, die man nicht offen tragen oder zeigen sollte, diente nicht der Abschreckung. Vor allem in Häfen benötigte man etwas, das einen Überfall wie in der vorhergehenden Nacht geschehen, verhindern sollte. Ein Frühwarnsystem müsste die Mannschaft rechtzeitig vor solch einem Vorgang warnen. Alarmanlage kam nicht in Frage, da die sensible Technik nicht dazu geeignet war und auch nicht abschreckend genug sein würde. Eine Schiffskatze würde mit einem Miauen auch keinen Räuber vertreiben, meinte Wilhelm. Und dann war man bei der Idee Hund. Aber ein Hund auf einem Segelschiff, auf hoher See. Jan dachte laut nach. Wie soll der Hund denn spazieren gehen, diese alte  Sache mit dem "übers Wasser gehen" hat auf hoher See nicht funktioniert und ist wissenschaftlich auch noch nicht geklärt. Wenn's ein Rüde ist, könnte er den Masten als Baumersatz anpinkeln, aber die Sache mit den großen Haufen muss gelöst werden. Vor allem, wenn es eine Abschreckung sein soll, darf es kein kleiner Hund sein. Das muss dann ein richtiger Kerl sein, der an Deck steht und seine Stimme erhebt, wenn es brenzlig wird. Und so einen Hund kann man ja nicht, wenn wir unter Segel fahren, unter Deck einsperren. Aber es wäre eine gute Lösung. Da wir eine Männergruppe sind, kommt sowieso nur ein Rüde in Betracht, fügte er zum Abschluss noch hinzu.

Pet wurde beauftragt, die Ideen zu formulieren und unserem Sponsor mitzuteilen. Eine zweite Pistole und die Idee mit dem großen Vierbeiner.

Bevor Pet in seine Kabine gehen konnte, sprach Wilhelm nochmals das Thema an. Pet, du bist doch ein Hundefreund und hast selbst einen. Bist du der Meinung, dass man einen Hund soweit bringen kann, wie eine Katze auf eine Tiertoilette zu gehen? Und was muss hier auf dem Schiff verändert werden, dass das Tier sich einigermaßen frei bewegen kann und nicht ständig in Gefahr ist, von Bord zu gehen?"

Pet überlegte und legte den Kopf zur Seite. Das tat er immer, wenn es um schwierige Themen ging, über die er nachdenken musste, weil man von ihm klare Antworten erwartete. Ich denke schon, dass man einen Hund soweit erziehen kann, dass er sein großes Geschäft immer an ein und derselben Stelle verrichtet. Nur kann das kein kleines Katzenklo sein, die Hundetoilette müsste schon eine Größe haben, die einem Hund gerecht wird. Ein Sandkasten von vielleicht ein Meter fünfzig auf ein Meter fünfzig.  Gefüllt mit Erde oder Sand. Und die Bordwände müssten so sein, dass er nicht von Bord rutschen kann. Da die Verschanzung schon etwas ein Meter zwanzig hoch ist und die Reling darüber nochmals fünfzig Zentimeter und wir einen Teil der Reling ja schon mit starkem Segeltuch bespannt haben, müsste das eigentlich reichen. Ich denke, das würde so gehen. Eventuell müsste man noch eine Laufkette oder so etwas Ähnliches auf Deck spannen, damit er sich in kritischen Situationen trotzdem einigermaßen sicher bewegen kann und nicht sofort über Bord geht.  Wie es mit dem Aufenthalt in den Häfen aussieht, ob der Hund von Bord darf oder ob es gewisse Auflagen gibt, kann ich nicht sagen. Das muss, wenn wir uns für einen Hund entscheiden, der Anwalt klären. Ob mein Hund dafür geeignet ist, weiß ich nicht. Er ist groß, ein Rüpel, aber sehr treu und wachsam. Außerdem, wenn der bellt, dann ist da eine Stimme dahinter, die doch wirklich abschrecken könnte.

Lars bat Pet, das aufzuschreiben.

Der setzte sich sofort an seinen Laptop und formulierte seine Ideen für den Anwalt und den Sponsor.  Während er schrieb kam eine neue Nachricht vom Sponsor. Sie war an alle Mitglieder der Mannschaft gerichtet.

Sehr geehrte Herren, ich habe vergessen, meiner letzten Mail noch eine Bitte an Sie anfügen. Am besten ist es wohl, diese ohne Umschweife an Sie heranzutragen. Ich habe noch einen weiteren Kandidaten für die Mannschaft der Blauzahn, den ich Ihnen gerne vorschlagen würde. Ein außergewöhnlicher Mann, den ich persönlich nicht kenne, aber seit Jahren seinen interessanten Lebensweg verfolgen durfte.

Pater Gregor, Ordensbruder der Benediktiner. Gebürtiger Ire. 62 Jahre alt. Er ist seit 15 Jahren Benediktiner Mönch. Er ist studierter Nautiker, hat ein Kapitänspatent und war über 10 Jahre als technischer Berater und Entwicklungshelfer in Indonesien für die Inselinfrastrukturverbesserung tätig. Persönliche Gründe waren für den Wechsel seiner Lebensplanung vom erfolgreichen Berater zum Mönch verantwortlich. Und nun steht er erneut vor einer Lebensplanungsfrage. Das Leben als Mönch erfüllt ihn nicht und er findet keine Ruhe. Er hat seine Ordensoberen darum gebeten, sich hier für das Projekt Blauzahn bewerben zu dürfen.  Man hat es ihm erlaubt. Er wird weiterhin Benediktinerordensbruder bleiben, hat aber für einige Bereiche gewisse Freiräume eingeräumt bekommen.

Er spricht übrigens Englisch, Französisch, Deutsch und etwas Latein.

Bitte teilen Sie mir Ihre Entscheidung mit. Er würde, wenn Sie sich für ihn als neues Mitglied der Mannschaft entscheiden könnten, im Hafen von Palma zu ihnen stoßen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Johann K.

Erstaunt las Pet diese Mail. Sicher hatten auch schon einige andere den Inhalt dieses Schreibens aufgenommen. Er entschied sich erst einmal, seine Mail an den Anwalt und Sponsor fertig zu schreiben, um dann mit den anderen zu sprechen. Bewaffnung, Mönch eventuell Hund an Bord, das waren Veränderungen, die sollten sehr genau betrachtet und überlegt werden.


Fortsetzung folgt

Kommentar schreiben

Kommentare: 0