Kapitel 10

Wilhelm war nach Marc der Nächste, der seinen Schlaf unterbrochen hatte und aufgestanden war. Marc hatte Kaffee und Tee gemacht und ein paar Baguette aufgebacken. Bananen und Äpfel hatte er auch bereitgelegt. Marc ging nicht davon aus, dass die Mannschaft nach den Anstrengungen der letzten Tage hungrig sein würde. Er sollte recht behalten. Kaffee, Tee und Mineralwasser waren gefragt und der eine oder andere kleine Bissen in ein Baguette. Um 10.00 Uhr war die Mannschaft dann komplett in der Kombüse versammelt.

Weinprobe, Stress und zu wenig Schlaf hatten bei der Mannschaft ihre Spuren hinterlassen. Hier half auch keine LOreal oder Nivea-Herren-Creme mehr, um diese Spuren in den Gesichtern zu beseitigen. Die Jungs sahen einfach alle aus wie Sechzigjährige.

Das Laden der Batterien war soweit abgeschlossen. Frischwasser war gebunkert und die Lebensmittelvorräte waren an Bord. Eigentlich war man bereit, die Reise fortzusetzen. Der Kühlschrank und die Urne mit Friedrichs Asche fehlten noch.  Müßiggang war angesagt. Gerrit war allerdings dagegen. Er meinte, dass die Mannschaft etwas mehr für die allgemeine Fitness tun sollte. Wenigstens einen langen Spaziergang oder etwas Walken, meinte er, sei sicher sinnvoll. Die Begeisterung war nicht besonders groß. Lars wollte auf Frau Hanssen warten, Wilhelm und Otto auf den bestellten Kühlschrank. Der sollte vor der Weiterreise doch noch fest installiert werden. Gerrit ließ sich nicht von seiner Idee eines Fitness-Programms abbringen. Dann wollte er, dass die Mannschaft wenigstens auf Deck einige Dehnübungen machen sollte. Die Begeisterung war gering, aber alle verstanden das und man vereinbarte, dass man sich um 12.30 Uhr auf Deck treffen würde.

12.30 Uhr an Deck

Das Outfit der einzelnen Mannschaftsmitglieder für diese Gesundheitskurzveranstaltung war doch sehr unterschiedlich. Von der  klassischen Gym Trouser der späten achtziger Jahre mit den drei Streifen an jeder Seite, bis zur absoluten misconstruction Trouser war alles vorhanden. Selbst die eindeutige Bekleidung von John McDundy, die das Signal aussandte, ich-habe-heute-dazu-keinen-Lust, konnte Gerrit nicht davon abbringen, einige Übungen mit der Mannschaft durchzuführen. Dass ausgerechnet diese Szenerie von einem Kamerateam eines für Schmutzunterwäschejournalismus bekannten Senders dokumentarisch festgehalten wurde, war in diesem Moment allen Herren egal, weil sie davon nichts merkten.

Keiner war wirklich so richtig ins Schwitzen gekommen. Dazu war es zu kühl auf Deck und die knapp zwanzig Minuten an Dehnübungen hatten dazu auch nicht ausgereicht.

After Workout

Um 14.00 Uhr wurde pünktlich der Wein-Temperierer geliefert. Die beiden Monteure taten sich sehr schwer, dieses Gerät unter Deck zu bringen. Lars tobte, als sie mit schweren Stiefeln versuchten, auf die Planken zu treten. Sie mussten die Schuhe und ihre Socken ausziehen und dann das Gerät mit bloßen Füssen weiterbewegen. Die beiden waren so irritiert, dass ihnen nach dem Geschrei nichts mehr wirklich gelang. Wilhelm übernahm die Führung der beiden Monteure in Richtung Messe. Dort wurde das Gerät fest installiert. Jan, der gerade in der Messe eine Tasse Tee trank, erkannte sofort, dass so ein Gerät für eine Segeljacht vollkommen ungeeignet war. Die Flaschen würden bei einer rollenden Bewegung des Schiffes aus ihren Mulden rollen und im Kühlschrank gegeneinander schlagen. Aber Otto hatte an das Problem gedacht und zum Kühlgerät Drahtklemmen mitbestellt, sodass die Flaschen alle fest fixiert werden konnten. Jan, der eher etwas meckrig gelaunt war, suchte in seinem Kopf nach weiteren Argumenten, warum das Gerät nicht gut war, fand aber spontan nichts mehr. 

Ein paar Minuten, nachdem die Monteure das Kühlgerät unter den strengen Augen von Wilhelm montiert hatten, traf Frau Hanssen mit der Urne ein. Zum ersten Mal war sie sehr schlicht in einem einfachen schwarzen Hosenanzug gekleidet. Sie begrüßte Lars mit einem Handschlag - alle anderen wurden mit einem freundlichen Kopfnicken begrüßt. Dann übergab sie Lars die Urne. Ohne theatralisches Gehabe gab sie ihm die grau silberne Edelstahlurne. Eingraviert war darauf eine Möwe und die Initialen F.H. sowie drei unterschiedliche Datumsanzeigen. Sein Geburtstag, sein Todestag und der Tag der kirchlichen Trauung. Die beiden Monteure, die gerade das Deck betraten, als Frau Hanssen die drei Datumsanzeigen erklärte, schauten sich diese Szenerie verwundert an. Dann beeilten sie sich, das Schiff zu verlassen und vergaßen fast noch, Socken und Schuhe anzuziehen. Frau Hanssen schaute den beiden kopfschüttelnd hinterher, als sie mit nackten Füßen und den Schuhen unterm Arm die Gangway hinunter eilten.

Die Verabschiedung von Frau Hanssen ging schnell, aber nicht ohne ein paar herzliche Worte vonstatten.

Die Fensehsendung

Dann war die Mannschaft wieder alleine. Mit einem neuen Weintemperierschrank und einer Urne an Bord war die Blauzahn nun abfahrtsbereit. Lars und John legten das Auslaufen auf den kommenden Morgen 6.00 Uhr fest. Der Lotse wurde auf 5.45 Uhr bestellt. Für alle stand nun eines fest, die Reise musste flotter und mit weniger Unterbrechungen weitergehen. Porto in Portugal wurde als nächstes Ziel ausgelassen, man wollte nun direkt nach Cadiz weitersegeln. Proviant, Wasser und Diesel waren ausreichend an Bord. Die Wetterprognosen ließen eine Überfahrt problemlos zu. Etwa achtzig Stunden und 1800 km lagen vor Ihnen. In Cadiz würden sie nur kurz pausieren, bevor sie an Gibraltar vorbei nach Palma weitersegeln wollten. Endlich ins Mittelmeer und damit wärmeren Gefilden entgegen.

Kurz vor 17.00 Uhr wurde das Gepäck von Marc angeliefert. Ein alter Lederschrankkoffer. Otto und Pet bewunderten das gute, alter Stück. Holzrahmen und lederbezogen und mit Flecken, die das Leben auf ihm hinterlassen hatten. Nur, er war abgeschlossen und Marc hatte keinen Schlüssel für den Koffer. Er rief seine Frau an und bekam die Auskunft, der Schlüssel komme per Post nach. Jan benötigte allerdings für so eine Problem keinen Schlüssel. Nach ein paar Minuten war der Koffer auf und noch einigermaßen ansehnlich. Eine Weltreise würde er nach der Bearbeitung so einfach nicht mehr überstehen, aber Marc hatte das, was er brauchte.

Um 19.00 Uhr gab es in der Messe eine warme Mahlzeit. Marc hatte aus Lamm, Kartoffeln und Pilzen eine Auflauf gezaubert. Auflauf war in dieser engen Kombüse sehr einfach zu machen, ein Menü mit mehreren Gängen musste er noch trainieren, um das hier an Bord kochen zu können.

Wie so oft schaute sich die Mannschaft während dem Essen eine Nachrichtensendung an.  John zappte zwischen den Sendern hin und her, er suchte sich einen französischen Regionalsender aus, der das Gebiet Bordeaux als Sendegebiet hatte. Und da sahen sie sich plötzlich. Die Blauzahn mit einer tanzenden Mannschaft auf Deck, wie die Männer sich streckten und dehnten. Beißend gemeine Kommentare untermalten die Bilder der alten Crew. Man hörte, wie alle ihr Besteck fallen ließen - die Teller wurden in die Tischmitte geschoben. Gerrit übersetzte für alle, die nicht so gut französisch sprachen. Worte wie, schwimmendes Altenheim oder schwimmender Holzsarg mit Segel und Krückengarage fielen. Die Empörung war gewaltig, aber wenn man die Bilder betrachtete, sahen sie natürlich nicht unbedingt sehr fit und sportlich aus. Vor allem John sah mit seinem  ich-habe-keine-Lust-auf-Sport - Outfit sehr unkonventionell aus. "Lächerlich" meinte der Sprecher im Fernsehen. Das traf John gewaltig, aber nicht nur ihn, alle sahen sich auf einmal mit anderen Augen. Dieser Bericht hatte irgendwie ihre Eitelkeit getroffen. Waren sie doch angetreten, der Welt zu zeigen, dass alte Männer noch voll im Leben stehen und Alter nur eine mathematische Größe ist, so sollten sie in diesem Bericht offensichtlich der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Sie konnten nur hoffen, dass diese Bilder nur von dem Regionalsender  ausgestrahlt wurde.

John formte mit seinen Lippen ein Wort, das Lars übersetzte und laut aussprach. Scheiße! Dann holte er einen Block und schrieb darauf ein paar Wörter.  "Outfit, Figur, Fitness, Dynamik, Alkohol in Maßen, gesundes Essen" und dahinter sehr viele Punkte……… und zum Abschluss noch den Satz:  "Schluss mit dem Opa-Image."

Das Essen flog in die See und alle bis auf Otto, Pet und Lars gingen sehr früh zu Bett. Die  drei saßen noch einige Zeit in der abgedunkelten Messe zusammen und sprachen sehr leise miteinander. Sie ärgerten sich darüber, dass sie sich über den Bericht so geärgert hatten. Sie waren nun mal alle über sechzig Jahre alt und sie schämten sich nicht dafür, dass das Leben einige Zeichen auf Ihren Körpern hinterlassen hatte. Lars fand diesen Sendebericht einfach nur lächerlich, billig und im Trend. Ausgrenzen war trotz vieler Lippenbekenntnisse gegen dieses gesellschaftliche Leiden doch immer noch ein medialer Renner. Wer nicht dem Mainstream entsprach, wurde mit Medienberichten der Lächerlichkeit preisgegeben. Fast eine Art von Rassismus, fanden sie. Bis Mitternacht saßen sie sich meist schweigend gegenüber.

Aus dem Tagebuch des Otto Kraz

Alter, na und? Wie verrückt ist das denn? Haben denn diese Fernsehfuzzis tatsächlich keine bessere Idee, als aus unseren schlichten Gymnastikübungen ein Abendprogramm zu machen? Wir sollten den Stil von John zu unserem Aushängeschild entwickeln. Seine Weste, die so wunderbar schräg daherkommt, als peinlich zu bezeichnen, das ist ja echt peinlich für den Sender. Jetzt erst recht, finde ich. Für was habe ich meine alten Klamottenkiste mit und die alte Nähmaschine. Verehrtes Publikum. Zum Trotz wird Otto Kraz jetzt Westendesigner. Jawohl. Das Alter ist dazu da, weder Kinder zu wickeln noch Beziehungsprobleme zu wälzen. Das Alter wurde dafür geschaffen, sich immer wieder neu zu erfinden. "Ganz schön wild und lächerlich", meinte der Fernsehkommentator zu John's Westen-Outfit. Also gut. Wilde Westen. That's it.

Die Störung

Dann hörten sie alle drei gleichzeitig ein klopfendes Geräusch an Außenbord, zur Flussseite  hin. Dreimal hintereinander, als ob etwas gegen die Bordwand stoßen würde. Sie hörten  etwas kratzen und dann waren Schritte auf Deck zu hören. Allen war klar, dass hier jemand an Bord gekommen war, jemand der nicht bemerkt werden wollte. Lars und Otto nahmen sich Taschenlampen aus einem Regal und alle drei schlichen sich zum Niedergang. Sie hörten schon kurz bevor sie die Treppe erreichten, wie jemand versuchte, die Luke zu öffnen. Per Handzeichen, die sie in der schwachen Notbeleuchtung sahen, gaben sie sich Zeichen. Otto bekam die beiden Taschenlampen. Die sollte er einschalten, wenn Pet die Verrieglung aufgemacht hatte und Lars und Pet nach draußen stürmen sollten. Damit wollten sie den oder die Unbekannten überraschen.

Pet riss den Riegel zur Seite und öffnete die Luke zum Deck. Lars sprang im Licht der Taschenlampen nach oben. Er sah sich zwei erschrockenen Gestalten gegenüber. Pet kam hinter Lars aus der Luke und damit war eine personelle Pattsituation entstanden. Da Lars beide dunklen Gestallten mindestens um Haupteslänge überragte, war der Schock und die Angst eher auf Seiten der beiden Unbekannten. Pet brülle sie an. Was wollt ihr hier? Das reichte schon, um die Eindringlinge zur Flucht zu bewegen. Beide sprangen auf die Flussseite ins Wasser. Otto leuchtete zwar den beiden Schwimmern hinterher, aber keiner hatte Lust, sie zu verfolgen.

Das Geschrei und das Fußgetrampel hatte alle anderen geweckt. Kurz nachdem die beiden das Boot auf etwas unnatürliche Weise verlassen hatten, war der Rest der Mannschaft an Deck.

Otto erklärte allen, was geschehen war. Man fand hinten ein kleines Schlauchboot angeleint. Damit waren sie also längsseits gegangen, um das Schiff zu entern.

Allen war klar, dass man sich besser absichern müsse. Aber wie? Man würde in Zukunft Häfen anlaufen, in denen man besseren Schutz hatte. Aber nicht immer war es möglich, sich durch Sicherheitskräfte schützen zu lassen, die merkwürdigerweise auch heute trotz Zusage nicht erschienen waren. Lars teilte je zwei Leute ein, die von 1.00 Uhr bis 3.30  Uhr und dann von 3.30 Uhr bis 6.00 Uhr die Blauzahn bewachen mussten.

Man wollte das Thema beim Frühstück nochmals besprechen.

 

Fortsetzung folgt

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Kommentare: 6
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