Kapitel 8

An Bord

 

Gegen zwei Uhr morgens waren alle - bis auf Alberto und Lars - zurück an Bord. Warum Alberto noch an Land geblieben war, war allen klar. Bei Lars nicht.

 

Jeder der Mannschaft sinnierte noch über das, was an diesem Abend geschehen war. Marc war als neuer Koch aufgenommen worden. Er würde als Mannschaftsmitglied die Stelle von Friedrich übernehmen. Er hatte noch am Abend seinen Wunsch geäußert und die Mannschaft hatte sich einstimmig für seine Aufnahme entschieden.

Aus dem Tagebuch des Otto Kraz:

Verrückt, wie schnell Marc diesen Schritt machen konnte. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um mich für so eine Fahrt zu entscheiden. Aber er hat erzählt, dass er im Kopf schon lange an etwas Neuem dran war. Dass er das Gefühl gehabt hätte, dass das Leben für ihn nur noch eintönig und grau dahinplätschert. Dass er den intensiven Wunsch verspürt habe, noch einmal echtes Neuland zu betreten. Und als wir in seiner kleinen Taverne in St. Malo gespeist hätten, habe ihn sein alter Freund Hanssen in dessen riskantes Spiel mit dem Tod eingeweiht. "Vielleicht wird ja schon bald mein Platz frei," meinte wohl Friedrich noch in der Nacht fröhlich grinsend. Marc hätte natürlich nie geglaubt, dass so viel Ernst hinter diesen Worten steckte. Seine Frau wäre ihm schon lange in den Ohren gelegen, doch einmal wirklich etwas nur für sich selbst zu machen. Sie hätte seine Not gekannt. Seine Sehnsüchte auch verstanden. "Nimm dir doch ein paar Monate Auszeit. Danach wirst du dich wieder besser fühlen" hatte sie schon vor Jahren gesagt. Und nach Friedrichs Tod wäre es dieses berühmte "Jetzt oder nie" gewesen. Nun nicht nur ein paar Monate. Eben gleich ein Jahr. Aber es wäre eine Chance, wie sie nie mehr kommen würde. Deshalb sei er dabei. Hals über Kopf. Aber komplett überzeugt.

 

Noch immer lag die Erklärung von Frau Hanssen, warum Friedrich die Herztabletten weggelassen hatte, wie ein intensiver Gedankenschleier über der ganzen Mannschaft. In seinem Tagebuch hatte Grau Hanssen die Erklärung gefunden. Vor ein paar Monaten hatte man bei Friedrich einen Hirntumor diagnostiziert. Nicht operabel, aber er könnte damit noch einige Jahre leben. Leider begünstigten die Herztabletten als Nebenwirkung das Wachstum dieses Tumors. Ein Wechsel des Medikamentes kam nicht in Frage, da auch andere Mittel ähnliche Auswirkungen haben würden. Mit Schmerzen wahnsinnig zu werden oder den überraschenden Herztod zu sterben, das waren die Alternativen, zwischen denen Friedrich auszuwählen konnte. Er entschied sich für die Freiheit, bei klarem Verstand zu sterben und mit dem Wissen, dass die Unendlichkeit auf ihn warten würde. Er entschied sich gegen Maschinen, gegen Hilflosigkeit und Lächerlichkeit. Abschließend hatte er es im Tagebuch wie ein großes Plus niedergeschrieben, dass er doch wenigstens eine echte Wahl gehabt hätte.

 

Mit diesen Erklärungen lagen alle noch einige Zeit wach in ihren Kojen.   

 

Warum Lars, der Kapitän, nicht an Bord der Blauzahn war, begriff keiner. Doch alle unterließen es, darüber zu spekulieren, denn eines hatten die Mitglieder der Mannschaft sehr schnell gelernt: Nur wer offen und ehrlich mit den anderen umgeht, kann in so einer Gruppe bestehen. Alle müssen sich aufeinander verlassen können und jegliche Art von Reibereien konnte das Reise-Konzept der Blauzahn zerstören. 

 

Geplant war zwar, nur noch einen Tag im Hafen zu bleiben, aber es schien so, als ob es doch  noch einiges zu erledigen gab, bevor die Reise weitergehen konnte.

Pet und Otto waren die Frühaufsteher und kochten gemeinsam Kaffee und Tee. Lars und Alberto kamen rechtzeitig mit frischem Brot an Bord zurück, sodass die wichtigste Grundversorgung gesichert war. Der frühmorgendliche Hunger auf ein etwas karges Frühstück konnte gestillt werden. Lars gab nach dem ersten Schluck aus seiner Teetasse bekannt, dass Marc schon heute an Bord kommen würde und die Blauzahn auf Grund der Wetterlage am nächsten frühen Morgen auslaufen konnte. Der Frischwasserbunker war gefüllt, Diesel war genug vorhanden und Marc wollte sich noch vor dem Auslaufen um die Lebensmittel kümmern. Für die etwa fünfundzwanzig Stunden Reise war die Blauzahn schon jetzt gut gerüstet. Aber man wollte nicht zu früh in Bordeaux sein, da Frau Bell ihrem Mann dorthin sein restliches Reisegepäck bringen wollte.

 

Einer war aber nach dem Frühstück doch neugierig gewesen und fragte den Kapitän, wie er denn in dieser Nacht geschlafen habe. Höflich antwortete Lars. Gut, danke.

Keiner konnte wissen, dass er diese Auszeit ganz einfach gebraucht hatte. Alleine sein, unbeobachtet, ohne auf jemanden oder irgendetwas Rücksicht zu nehmen. Er hatte sich ein Hotelzimmer genommen, eine Flasche Wein besorgt und sich so lange auf den Balkon seines Hotelzimmers gesetzt, bis er durchgefroren war. Danach hatte er heiß geduscht und noch zwei Stunden geschlafen. Keiner konnte wissen, das sein unruhiger Geist diese Extreme brauchte.

 

Und so trank er seinen Tee aus, bedankte sich für das Frühstück und ging nach oben an Deck.

 

Um 9.00 Uhr kam die Durchsage über die Bordlautsprecher: "Alle Mann an Deck".

Marc stand mit einem kleinen Koffer an der Gangway. Er verabschiedete sich von Beatrice und von seiner Frau und kam an Bord. Er wurde von allen mit einer Umarmung  begrüßt. Jan führte ihn nach unten und zeigte ihm seine Kajüte. Marcs Frau blieb an der Gangway stehen und schaute hilflos nach oben. Ihr Blick wanderte erst über den Schiffsrumpf und dann hoch zur Mastspitze. Ihr Blick blieb am Wimpel, der oben heftig im Wind flatterte, kleben. Wilhelm ging nach unten und wollte sie an Bord holen. Doch sie lehnte ab, drehte sich um und zog im Weggehen Beatrice, die etwas abseits gestanden hatte, mit sich. Weg vom Schiff, weg vom Kai, weg von Marc. 

 

Madame Bell ging in Gedanken die Gespräche mit ihrem Mann nochmals durch. Schon lange wollte er seine kleine Taverne aufgeben. Schließen kam für ihn und sie nicht in Frage. Sie jemandemübergeben, weiterreichen, vermachen, das waren ihre Gedanken. Waren sie doch beide immer noch so verliebt in diesen Keller, diese Küche. Ein junger Koch aus dem Hotel Beaufort in St. Malo wollte es gerne übernehmen, aber Marc tat sich so schwer, weil er nicht wusste, was er selbst danach wirklich tun sollte. Und dann kam der Tod von Friedrich wie ein Wink des Schicksals. Ein schlimmer Zufall. Aber Madame Bell wusste sofort, als sie abends zusammen saßen, dass das der Zeitpunkt war, an dem sie ihrem Mann die Freiheit geben musste, die er gesucht hatte. Beatrice Hanssen hatte sie bei den Gesprächen mit Marc unterstützt. Sie selbst würde in der Taverne bleiben, um gemeinsam mit Madame Bell und dem jungen Koch weiterzumachen. Marc konnte beruhigt gehen und sich diesem Abenteuer zuwenden. Aber in ihrem Hinterkopf pochte immer wieder ein Gedanke: "Wird er es ohne mich aushalten?" Sie lachte in sich hinein. "Sicher wird er das. Also anders gefragt: Werde ich es ohne ihn aushalten?"

 

Im Taxi weinten die beiden Frauen still in sich hinein, tröstend hielten sie gegenseitig ihre Hände.

 

Nachdem das Taxi mit Frau Bell weggefahren war, kam Frau Hanssen mit ihrer Tochter und ihrem Sohn zum Kai, zur Gangway der Blauzahn und an Bord. Sie stellte sich mit ihren beiden Kindern vor das Steuerruder und bedankte sich noch einmal bei allen mit ein paar wenigen Sätzen. Überraschend übernahm dann ihre Tochter die weitere Ansprache. Ich hoffe, Sie stimmen zu, dass wir Ihnen die Urne meines Vaters in Bordeaux übergeben. Nehmen Sie sie bitte mit auf Ihre Reise. Verstreuen sie die Asche an einer Stelle auf dem Meer, zu der sie alle sagen können, dass es dort wirklich schön ist. Ich weiß, dass dies eine schwere Aufgabe ist, die wir Ihnen zumuten. Bitte tun Sie uns und Friedrich trotzdem diesen Gefallen. Sie wirkte in diesem Augenblick so stark, so selbstbewusst, dass selbst Frau Hanssen neben ihr blass und unbedeutend aussah.

 

Betreten standen alle da. Keiner wollte oder konnte spontan etwas sagen. Das war für die alten Männer eine Herausforderung der besonderen Art. John war der Erste, der sich aus der Erstarrung lösen konnte. Er ging auf Frau Hanssen zu und stellte sich neben sie. Er stampfte zweimal heftig mit dem rechten Fuß auf. Damit hatte er die Aufmerksamkeit aller auf sich gelenkt. Seine weitere Geste zeigte deutlich, dass er eine Antwort haben wollte. Er deutete auf sich und nickte heftig. Jeder verstand, dass er wollte, dass man die Asche von Friedrich mitnahm. Reihum nickten auch alle anderen.

 

Ich bedanke mich für diese großzügige Geste. Ich werde die Urne nach Bordeaux bringen und sie Ihnen dort für die weitere Reise übergeben. Frau Hanssen und ihre Tochter reichten jedem beide Hände zum Abschied. Ihr Sohn aber blieb an der Reling stehen. Man sah ihn zum ersten Mal lächeln. Ein sehr glückliches und zufriedenes Lächeln. Dann löste er sich von der Reling, reichte ebenfalls jedem die Hand und folgte seiner Mutter bis zur die Gangway. Dort drehte er sich um, tippte sich grüßend an die Stirn. Gerne würde ich mitkommen, rief er laut in die Runde. Alt sein hat etwas. Eigentlich schade. Ich muss noch warten. Deshalb kann ich Ihnen nur eines wünschen. Mast und Schotbruch, gute Reise.“  Dann ging auch er von Bord .

 

 

Am nächsten Morgen lief die Blauzahn mit der Flut aus. Lars und John am Ruder, Alberto und Jose beim Masten. Für etwa 25 Stunden waren sie nun wieder auf See. Sie war etwas unruhig, aber das war für die Jahreszeit nichts Ungewöhnliches. Weit draußen auf dem Atlantik gingen Jose und Lars wieder unter Deck, um sich auszuruhen und überließen das Schiff den erfahrenen Händen von John und Alberto. Alberto übernahm es, Marc für etwa zwei Stunden in die Grundkenntnisse der seemännischen Aufgaben eines Matrosen auf der Blauzahn einzuweisen.  Und Pet und Otto unterstützten Marc, einen mittäglichen Imbiss zuzubereiten.

"Lasst uns gleich etwas Neues erfinden." meinte der. "Ich habe Brote vorbereitet, die wie kleine Schüsseln aussehen. Wir haben noch Kartoffelsalat im Kühlschrank, habe ich gesehen. Außerdem Schinken und Gürkchen. Ich habe da eine neue Idee. Die Seeluft scheint mit schon jetzt gut zu tun. Nennen wir diesen Imbiss doch einfach Schlemmer-Kraz." Marc grinste.

 

Aus dem Tagebuch des Otto Kraz:

Für mich eine neue Dimension des Essens. Rezepte selbst erfinden. Sich auch in der Küche einfach treiben lassen. Der Kraz. Welche Ehre. Hefeteig über große Kieselsteine gelegt und zu kleinen Brotschiffen gebacken. Um sie danach köstlich zu füllen. Marc ist ein Zauberer. Dazu ein guter Rotwein. Welch Hochgenuss. Echte Freiheit. Auch hier. Der Schlemmer-Kraz. Wunderbar.

 

Gegen Mittag wurde die See doch rauer, die Segel wurden eingeholt und das Boot fuhr mit Motorkraft weiter. Die Blauzahn näherte sich der Küste auf drei Meilen. Gegen 19.00 Uhr waren dann alle Mann an Deck. Die See war kräftig aufgewühlt und der Wellengang überspülte die Blauzahn immer wieder mit viel Meerwasser. Der Kiel wurde komplett ausgefahren. Lars konnte nun alle technischen Finessen, die dieses Boot besaß, zum Einsatz bringen. Alle Mann bis auf John, Jose und Lars gingen unter Deck. Wilhelm war bei seinen Maschinen und Otto und Jan machten unter Deck ihre Runden. Sie mussten dafür sorgen, dass alles festgezurrt war und sich nichts frei durchs Boot bewegen konnte. Am schwersten hatte es Marc. Er war die See noch nicht gewohnt, kämpfte mit einer leichten Seekrankheit und mit den Küchengerätschaften, die noch nicht dort fest an Ort und Stelle waren, wo sie bei schwerer See sein sollten. Trotzdem signalisierte sein Kopf: "Alles richtig gemacht."

 

Fortsetzung folgt

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