Kapitel 7

Das Abendessen im Hotel

Die Mannschaft der Blauzahn, Familie Belle, Beatrice Monte und die drei Hanssens trafen sich wie verabredet um 21.00 Uhr im Hotel Oceania in der Rue Siam in Brest. Dort hatte Frau Hanssen mit Ihren Kindern Quartier bezogen. In einem Nebenzimmer des Restaurants war ein große Tafel gedeckt.

Da keine Kleiderordnung vorgegeben war, hatte sich jeder nach Stimmung und Laune angezogen. Lars war wie immer top gekleidet. Eine Kapitänsuniform umgab ihn mit einer natürlichen Autorität und schon in der Hotelhalle wurde er von vielen Blicken begleitet. Im Gegensatz zu Lars erschien John sehr leger. Lederjacke, Jeans und Wildlederstiefel. Mit seinem ewigen Lächeln und seiner sportlichen Erscheinung machte auch er dezent auf sich aufmerksam.

Der Rest der Mannschaft wurde dann nur noch vom Portier beachtet, der die älteren Herren ins Nebenzimmer führte.

 

 

Frau Hanssen hatte die Tischordnung festgelegt. Lars saßihr zu Rechten und Pet wurde zu ihrer Linken platziert. Neben Pet saß ihre Tochter, dann folgten Alberto, Beatrice, Jose, und Jan. Gegenüber von Lars wurde Frau Belle und Marc Belle, daran anschließend der junge Hanssen, Wilhelm, Gerrit, Otto und John gesetzt.

 

Als Aperitif gab es eine Mischung aus Johannisbeersaft zerstoßener Minze - mit  Wodka gereicht. Während die Kellner die Gläser verteilten, stand Frau Hanssen auf und wartete, bis alle Gäste ihr die Aufmerksamkeit schenkten, die sie erwartete. Elegant hob sie ihr Glas: Auf Friedrich, meinen Mann, der Vater unserer Kinder und den Mann, der sich auf eine abenteuerliche Reise begeben hat, um sein Glück zu finden und seiner Sehnsucht nach Freiheit nachzugeben.Alle Gäste standen auf und erhoben ihre Gläser, tranken einen kleinen Schluck daraus. Der Kapitän setzte sich als erster wieder. Die Mannschaft und die anderen machten es ihm nach. Frau Hanssen blieb stehen. 

 

Liebe Gäste, liebe Freunde. Kunstvoll machte sie eine Pause und schaute in die Runde. Als mir mein Mann vor ein paar Monaten eröffnete, dass er sich auf diese abenteuerliche Reise begeben wollte, war ich nicht bereit, ihm das zu glauben. Friedrich, ein Mann mit viel Kreativität, aber auch mit sehr vielen Vorbehalten, was Unkalkulierbares betrifft, wollte sich auf eine Fahrt begeben, deren Ende nicht vorherzusehen ist? Das war eine Vorstellung, die ich nicht fassen konnte.Wieder machte sie eine Pause und schaute in die Runde. Ihr Blick blieb bei ihrem Sohn stehen und dann holte sie für alle deutlich hörbar Luft. Er hat es gewagt. Er machte einen seiner Köche zum Geschäftsführer, übergab ihm die Verantwortung für das Lokal. Und wieder eine lange Pause, als ob Frau Hanssen ihre Worte sehr überlegt aussprechen wollte. Wir haben in den Tagen vor seiner Abreise nach Nordstrand mehr miteinander geredet als in den letzten Jahren zuvor. Leise, nur für Pet Bär hörbar, sagte ihre Tochter. Wie auch, er kam ja bei dir so gut wie nie zu Wort.Pet Bär dreht sich zu ihr um und schaute sie erstaunt an.  Dann ging er. Er war glücklich, etwas gefunden zu haben, das ihn nochmals fordern würde. Anders als das bisherige Leben. Anders als der Alltag, den wir gemeinsam seit über dreißig Jahren miteinander gestaltet haben. Weg von seiner Familie. Weg von den Kindern, die erwachsen sind und weg von mir. Auf Zeit, wie er sagte. Nun für immer. Ich habe ihn in den letzten Wochen vermisst und werde ihn nun für immer vermissen müssen. Aber ich weiß, dass er in den  letzten Wochen ungeheuer glücklich war. Im Gegensatz zu den letzten Jahren. Seine Mails an mich und an die Kinder waren eindeutig. Er schrieb mit so viel Begeisterung über dieses Abenteuer, wie ich es selten von ihm gehört habe. In seiner letzten Mail hat er über jeden von ihnen berichtet. Ja vor allem, was jeder von ihnen gerne isst oder trinkt. Und was er überhaupt nicht verträgt. Meine Herren, ich kenne Sie alle besser, als Sie sich das vorstellen können."

Die Rede wurde durch ein raumfüllendes wohliges Gelächter unterbrochen, weil sich die Crew mit Freuden daran erinnerte, wie es dieser Friedrich Hanssen, den sie alle erst seit ein paar Monaten kannten, immer wieder fertiggebracht hatte, seine Menüs in mindestens 5 verschiedenen Variationen für 10 Individualisten gleichzeitig zu servieren. Hanssen hatte alle Nichtverträglichkeiten der Crew gekannt und auch alle Vorlieben und hatte dann vor jedem Essen sein unnachahmliches "Meine Herren, das Haus serviert heute: Piratenkost Nummer 17 in 8 Variationen" vor dem Essen genussvoll ausgerufen. Ja, die neun immer so  wunderbar verköstigten Besatzungsmitglieder hatten stets den Eindruck gehabt, dass genau dieses individuelle Kochen für den ehemaligen Restaurantbesitzer eine hochspannende und befriedigende Herausforderung war und dass er auf der Blauzahn seine eigenen Fähigkeiten offen genießen konnte.

 

"Jetzt wünsche ich erst einmal einen guten Appetit. Auf Friedrich."

Frau Hanssen hob das Glas. 14 Gläser folgten dem ihren.

 

Die Vorspeise wurde aufgetragen. Eine leichte Fischsuppe. Immer noch schweigend in Gedanken versunken löffelten alle die köstliche Brühe, die so sehr an Friedrich erinnerte. Die Kellner schenkten zur Suppe einen leichten Weißwein. Erst nach der Vorspeise kamen wieder Unterhaltungen auf. 

 

Im persönlichen Tagebuch des Pet Bär stand später über das Menü:

"Ich war doch sehr erstaunt über den Verlauf dieses Abendessens. Nach der Vorspeise, der Fischsuppe gab es eine zweite Vorspeise. Jeder von uns bekam ein ganz spezielles kleines Gericht. Alles wurde berücksichtigt. Vorlieben, eventuelle diätische Besonderheiten. Die Küche musste wohl sehr genaue Instruktionen bekommen haben. Nun war auch das Geheimnis der Sitzordnung gelüftet. Die Kellner orientierten sich an den Tischkarten, damit jeder von uns sein ganz individuelles Gericht bekam. Dazu wurde jedem ein Getränk serviert, das zu der Vorspeise passte und zudem noch den ganz persönlichen Vorlieben entsprach.

Der Hauptgang war eines der Spitzenprodukte, das Hanssen in seinem Lokal in Hamburg angeboten hatte. Eine Art Fisch-Gulasch von unterschiedlichen Fischen. Die Filets in gleichen Größen geschnitten und angebraten in einer Senf Currysoße, mit frischen Kräutern bedeckt, serviert mit Reis und panierten Mangostreifen. Dazu frischen Spinat in einer leichten Balsamikomarinade gedünstet."

 

Der zweite Teil der Rede von Frau Hanssen

Meine Herren, ich möchte mich auch ihm Namen meiner Familie nochmals bei Ihnen  bedanken. Sie stand steif und fast unbeholfen am Tisch, drehte sich hin und her, als ob sie jemanden suchen würde, den sie direkt ansprechen konnte. Bedanken, dass Sie hier am Abschiedsessen für meinen Mann Friedrich teilnehmen. Bedanken dafür, dass er gemeinsam mit ihnen sehr schöne und glückliche Stunden verbringen konnte. Wieder eine Pause, die mehr als nur hilflos wirkte. Ihre Tochter trat zu ihr und nahm sie an der rechten Hand. Am Anfang, als Friedrich mir vor Wochen erzählte, was er vor hatte, dachte ich, dass das wohl der Beginn einer Entwicklung eines alten Mannes sei, der nun in die Phase kommt, in der so mancher wunderlich wird. Als er mir dann noch in einer E-Mail geschrieben hat, wer alles an Bord sein würde und ich das unseren Kindern erzählt habe, meinten wir alle, dass da ein schwimmendes Altersheim entsteht. Für Männer die nicht alt sein wollen. Offensichtlich bedurfte es bei ihr sehr viel Anstrengung, diese Sätze an die Mannschaft zu richten. Ja ich gebe zu, wir haben uns zu Hause lustig darüber gemacht, dass da so ein paar alte Typen einen auf ganze Kerle machen wollten. Und wieder eine Pause. Immer noch suchten ihre Augen einen Punkt, der ihr helfen sollte, weiter zu reden. Lassen sie mich offen sprechen. Meine Ehe mit Friedrich war in den letzten Jahren nicht die glücklichste. Man verschleißt sich gegenseitig. Er als begnadeter Koch mit seinem Restaurant. Ich mit meinem Modehaus. Beide waren wir mehr als nur ehrgeizig. Vieles blieb dabei zwischen uns auf der Strecke. Wir blieben wegen der Kinder zusammen und auch einfach aus Gewohnheit. Als mich die Nachricht von Friedrichs Tod erreichte, war mein erster Gedanke: "Das musste ja so kommen, wenn so ein paar alte Knaben - sich selbst überschätzend - eine solche Reise machen. Die ersten Tränen liefen ihr und ihrer Tochter über die Wangen. Der Sohn zeigte allerdings keinerlei Regung, außer, dass er sich mit beiden Händen in das Holz des Tisches krallte und das Weiß der Knöchel deutlich zu sehen war. Seit gestern weißich, dass das hier kein schwimmendes Altersheim ist. Ich weiß zwar nicht, was dahintersteckt. Was hier wirklich die Triebfeder des Ganzen ist. Ich spüre nur eines: Viel Kraft, Energie und Willen, aber auch viel Leichtigkeit und starke Träume. Hier war mein Friedrich ein paar Tage äußerst glücklich. Als ob die letzten Worte ihr Kraft gegeben hätten, sprach sie mit ruhiger Stimme weiter. Ich habe ein Tagebuch von Friedrich gefunden. Dort stand vieles, was ich über meinen eigenen Mann nicht wusste. Es hat wehgetan, das zu lesen, aber es hat mir auch geholfen, ihn zu verstehen. Er hat seine Herztabletten nicht genommen, weil er frei sein wollte. Friedrich hatte einen Hirntumor, der durch diese Tabletten beeinflusst wurde. Nahm er sie, wuchs der Tumor. Er hat mir das komplett verschwiegen. Der Tumor soll, so habe ich das seinen Einträgen ins Tagebuch entnommen, nicht operabel gewesen sein. Und er hätte mit der Zeit seinen Verstand angegriffen und im Körper große Schmerzen hervorgerufen. Deshalb hat er sich dafür entschieden, ohne diese Tabletten weiterzuleben. Das Risiko, dass es ihn das Leben kosten könnte, war ihm bewusst, aber er wollte es so. Vor dem Tod hatte Friedrich keine Angst."

Frau Hanssen machte eine kurze Pause.

"Und er wünschte sich eines: Dass er, wenn er sterben sollte, eingeäschert würde und seine Asche auf See verstreut wird. Bitte nehmen Sie Friedrichs Asche weiter mit auf ihre Reise. Verstreuen Sie seine Asche auf See. Dort wo sie alle meinen, dass es für Sie am schönsten ist. Tun sie ihm bitte diesen letzten Gefallen.

 

Fortsetzung folgt.

 

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