Kapitel 6

Bis Mittag

 

So standen sie frierend und aufgewühlt an Deck der Blauzahn. Bis Gerrit rief:

Zieht euch warm an oder bleibt unten. Alle holten sich Jacken und Pullover und kamen zurück. Schweigend lehnte der eine oder andere an der Reling oder saß auf dem Boden. Keiner wollte jetzt alleine sein.

 

Gegen Mittag fuhr ein Taxi zum Kai, das keiner außer Jan beachtete. Er stieß Pet mit dem Ellbogen an und deutete in die Richtung des Fahrzeugs. Dem Taxi war gerade eine ältere attraktive Frau entstiegen, danach eine junge Frau und ein sehr junger Mann. Interessiert schauten die drei zur Blauzahn und näherten sich dem Schiff. Inzwischen war auch Lars auf die Besucher aufmerksam geworden und ging über den Niedergang zum Kai hinunter. Dort blieb er stehen und wartete, bis die Gruppe bei ihm ankam. Die ältere Frau stellte sich als Birgit Hanssen vor. Die beiden anderen waren zwei ihrer sechs Kinder.

Inzwischen starrte der Rest der Crew gebannt von Bord auf die drei Ankömmlinge hinunter. Kapitän Larsen bat sie an Bord und stellte jeden Einzelnen vor. Beileid bekundend war allen die verrückte Situation klar. Eigentlich wollten sie sich mit dem Ehemann dieser Dame schon auf hoher See befinden. Doch dieser extreme Zwischenfall namens Tod war wie aus dem Nichts aufgetaucht und hatte so viel verändert.

Otto Kraz als Zahlmeister hatte bereits alle persönlichen Gegenstände von Friedrich zusammengepackt und in einen großen Seesack gestopft. Den wollte er Frau Hanssen übergeben. Sie zeigte aber kein Interesse an den Sachen. Sie wollte einfach ein paar Worte mit Larsen wechseln und dann zu Ihrem Mann fahren, der im Leichenschauhaus lag. Dort musste sie die Überführung der sterblichen Überreste ihres Gatten nach Hause organisieren. 

Schweigend stand die Mannschaft da, jeder versunken in seine eigenen Gedanken. John holte nochmals Gläser und schenkte erneut einen ordentlichen Schluck guten Scotch ein. Die Szene war wie die Szene aus einem Film. Unwirklich. Ein Toter, eine Witwe, eine Geschichte, von der man noch nichts wusste und viele Fragezeichen. Und dieser Tod, der einfach unvermittelt angeklopft hatte.

Kurz vor 12.00 Uhr kam ein zweites Taxi an. Der Film lief offensichtlich weiter. Denn dem Wagen entstieg der Wirt Marc Belle aus der Hafenkneipe in St. Malo, seine Frau Malou und Beatrice Monte, die Bedienung. Der Wirt kam ohne Aufforderung aufs Schiff. Umarmte jeden der Mannschaft mit Tränen in den Augen. Er fragte nach dem Kapitän und John führte ihn unter Deck. Malou Belle und Beatrice Monte blieben etwas hilflos am Kai stehen. Alberto starrte nur Beatrice an - ohne sich zu rühren. Was war passiert? Pet holte sie an Bord der Blauzahn. Erst als Beatrice vor ihm stand, erwachte Alberto aus seiner Erstarrung und umarmte sie. Lange. Viel zu lange für ein einfaches freundliches Hallo.

Madame Melle begrüßte die Mannschaft mit einem Kopfnicken und gesellte sich zu Wilhelm. Da stand sie, die Mannschaft der Blauzahn mit ihren Besuchern. Irgendein Zauber lag in der Luft. Welcher, das war niemandem klar.

 

Aus dem persönlichen Tagebuch des Pet Bär

 

Nachdem Frau Hanssen, die von Herrn und Frau Belle begleitet wurde, sich mit ihren Kindern auf den Weg zum Leichenschauhaus gemacht hatte, wurde es ruhig auf der Blauzahn. Alberto war mit Beatrice ebenfalls verschwunden. Als ich die beiden von Bord gehen sah, fragte ich mich, was sie wohl tun würden. Neugierde, Neid oder was brachte mich dazu, solche Gedanken zu haben? Ich war etwas verwirrt.

Der Tod von Friedrich hatte uns alle getroffen. Und doch drang die Trauer über seinen Tod nicht sehr tief in mich ein. Sie schien mich nur oberflächlich zu berühren. Eher bewegte mich die Trauer der anderen. Ich ließ mich durch die Tränen anstecken, diesen sichtbaren Schmerz. Ich war über mich selbst erstaunt. Und ich hätte Friedrich niemals zugetraut, mit solch einer umwerfenden Frau verheiratet gewesen zu sein. Groß, lange schwarze Haare und mit einer souveränen Ruhe ausgestattet. In ihrer Nähe spürte man ihre Stärke und ihr Selbstvertrauen. Die Tochter glich im Aussehen ihrer Mutter. Der Sohn hingegen wirkte schüchtern, stark in sich gekehrt. Er trottete gedankenverloren hinter den beiden Frauen her, als ob ihn das alles nichts anginge.

Ich versuchte mich eine Stunde lang - ohne Erfolg - mit meinen Aufzeichnungen zu beschäftigen. Hatte ich mir doch entgegen meiner Gewohnheiten schon weit vor 18.00 Uhr einen köstlichen Whisky gegönnt. Ich musste mich wohl an Bord von einigen Prinzipien trennen.

Wir saßen noch im Hafen fest. Was sollte ich tun? Das Blauzahntagebuch  führen konnte ich nicht. Gut, wenn ich schon dabei war, alte Gewohnheiten aufzugeben, dann musste ich wohl mehr ändern, als nur zwei Gläser Whisky vor 18 Uhr zu trinken. Also rief ich mir ein Taxi und fuhr in die Stadt. Brest bei schlechtem Wetter. Das hatte auch etwas, weil wenig Menschen auf der Straße waren und ich glaubte, mich vollkommen unbemerkt in der Stadt zu bewegen.

 

Veränderung, womit fängt man an? Was war ich bereit zu verändern? In meinem Kopf rasten die Gedanken hin und her. Das war der alte Pet. Getrieben, aber leider gerade ohne Plan. So kritisch sah ich mich beim Laufen durch die Straßen. Ich entdeckte einen Friseursalon. Warum nicht? Haare kürzen und den Bart verändern. Das war nicht unbedingt etwas Neues, aber ein Anfang. Der Meister der Schere empfing mich überschwänglich. Ich musste ihm erst klar machen, dass meine sprachlichen Fähigkeiten bezüglich seiner Landessprache doch sehr eingeschränkt waren. Was mich erstaunte, dass er mich mit meinem Namen ansprach. Da zog er eine Tageszeitung hervor und deutete auf das Titelbild. Das waren wir. Die Blauzahn und jeder der zehn Mannschaftsmitglieder mit einem eigenen Bild. Das erklärte natürlich seine Kenntnis meines Namens. Auch Friedrich war mit einem lächelnden Gesicht abgebildet. Der Tod eines Nordstrandpiraten war der Zeitung offensichtlich eine Titelstory wert. "un court voyage" stand dort in fetten Buchstaben. "Eine kurze Reise."

 

Meine Haare waren jetzt etwas kürzer und wie immer war ich mit der Friseurleistung unzufrieden. Mein Haar war inzwischen einfach schütterer als vor zehn Jahren und mehr konnte man da nicht mehr herausholen. Dann der Bart. Oberlippenbewuchs etwas begradigen. Den Vollbart in drei Stufen schneiden. Das war mit meinem Sprachschatz nicht möglich, dies dem Frisör zu übersetzen. Also musste ich ihm das Ganze per Handzeichen erklären. Kinn bis Kiefergelenk nur auf eine Länge schneiden. Den Rest mit dem Hals auf Dreitagebartlänge kürzen.

Ein Blick in den Spiegel bewies: Zumindest war einmal der äußere Kopf verändert. Das Kopfinnere würde eine sehr viel schwierigere Aufgabe werden.

Nun wollte ich mir noch einige passende Kleidungsstücke besorgen, um mein Aussehen noch weiter zu umgestalten. Nichts sollte mehr an den alten Pet erinnern. Es genügte mir, selbst zu wissen, wer ich war. Neue Pullover, neue Schuhe, neue Hosen. So wie ich mich im Moment fühlte, alles in schwarz oder weiß und noch ein klein wenig blau. Mehr Farbe konnte ich mir nicht zugestehen.

 Als ich das Kaufhaus verließ, sah ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite die drei Hanssens und ein paar Schritte dahinter Herrn und Frau Belle. Die beiden waren in eine heftige Diskussion vertieft. Frau Hanssen hatte mich bemerkt und kam auf meine Straßenseite, während alle anderen weitergingen. Sie teilte mir mit, dass sie am späten Nachmittag nochmals zur Blauzahn kommen wolle, um den Seesack ihres Mannes zu holen. Außerdem wollte sie uns alle am späten Abend zu einem Abschiedsessen in ein Hotel einladen. Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand sie wieder.

Gedankenverloren schlenderte ich noch ein wenig durch die Straßen von Brest.

 

Auf der Blauzahn

Frau Hanssen kam gegen 17.00 Uhr. Diesmal ganz in Schwarz gekleidet - schwarzer Hut und das Gesicht bedeckt mit einem transparenten schwarzen Schleier - stieg sie aus dem Taxi. Lars wusste offensichtlich, wann sie ankommen würde und wartete bereits an Deck, um sie dort zu empfangen und in seine Kajüte zu geleiten. Dort übergab er ihr die persönliches Sachen ihres verstorbenen Mannes in Anwesenheit von Otto Kraz .

Hatte sie bisher den Schleier noch über dem Gesicht getragen, so streifte sie diesen jetzt über ihren Hut und gab damit den Blick auf ihr Gesicht frei. Man sah ihr an, dass hier viele Tränen geflossen waren.

Larsen und Kraz packten den Seesack. Alle Aufzeichnungen und Dokumente wurden in ein großes Kuvert gesteckt und an Frau Hanssen übergeben.

Damit war die kurze Ära Friedrich Hanssen auf der Blauzahn beendet.

 

Aus dem Tagebuch des Otto Kraz

Das Leben ist manchmal doch sehr mysteriös und undurchschaubar. Da hast du eine Ehefrau, die um dich weint, wenn du abtrittst. Du hast auch noch sechs Kinder und wahrscheinlich schon die ersten Enkelkinder. Und dann legst du mit einer Mannschaft aus zehn alten Männern samt Segelboot ab, um ein Jahr lang um die Welt zu segeln. Und ein paar Tage später stirbst du, weil du deine Herz-Tabletten nicht eingenommen hast. Verstehe einer den großen Drehbuchautor des Lebens, der sich solche Geschichten ausdenkt.

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