Kapitel 5

Nachmittagswache 12.00 bis 16.00 Uhr

 

Jose Piriou und Dr. Gerit Brom steuerten die Blauzahn. Kapitän Lars Larsen stand ebenfalls mit an Deck. Alle anderen gingen ihren eigenen Beschäftigungen nach. Durch den immer stärker werdenden Wind und den hohen Wellengang entschied Kapitän Larsen, den  Kurs zu ändern und nach Brest zu fahren. Solch einen Sturm zu bewältigen war die Mannschaft noch nicht in der Lage. Dazu fehlte das Training und auch das Vertrauen ineinander. Deshalb fuhr die Blauzahn am frühen Nachmittag in den Hafen von Brest ein.

Alle waren einfach müde. Kaum war das Schiff gesichert, rief der Smutje zum Abendessen. Selbst der immer dynamisch wirkende Kapitän Larsen war erschöpft und angespannt. Es gab einen einfachen Reisauflauf mit Gemüse und einem Stück Putenfleisch. Keiner wollte Wein oder Bier. Wasser oder heißer Tee, das waren die begehrten Getränke. Es wurde vereinbart, dass die Bauzahn mindestens vierundzwanzig Stunden im Hafen liegen bleiben sollte, damit sich alle ausruhen konnten. Zudem erreichte der Wind teilweise Orkanstärke und der Hafen war daher ein sicherer Ort.

Bis auf Kapitän Larsen, Otto Kraz und Alberto Piriou zogen sich alle schon vor 20.00 Uhr in ihre Kabinen zurück. Die drei tranken noch einen guten Rotwein zum Abschluss des Tages. Es war ohne Frage eine enorme Leistung für eine mehr oder weniger ungeübte Mannschaft, das Schiff bei diesem Wetter sicher in den Hafen von Brest zu bringen. Der Kapitän hatte von der Hafenbehörde einen Wachtposten organisiert, sodass alle sich schlafen legen konnten.

Friedrich Hanssen war der Erste der Mannschaft, der am folgenden Morgen um 4.00 Uhr wieder wach war und Brotteig machte. Um 7.00 Uhr morgens duftete das ganze Schiff nach frischem Brot und köstlichem Kaffee. Der fröhliche Gesang von Hanssen, der durch das ganze Schiff zu hören war, bewirkte, dass sich alle Mitglieder der Mannschaft innerhalb von 10 Minuten in der Messe tummelten. Der Smutje hatte den Tisch gedeckt und alle setzten sich gut gelaunt. Nur Jan Person und Jose Piriou sahen doch etwas kränklich aus. Beide husteten immer wieder. Nach dem Frühstück verkündete der Kapitän, dass die Blauzahn noch bis zum kommenden Morgen in Brest bleiben würde. Alle waren damit einverstanden.

Um die Mittagszeit wurde Dr. Gerrit Brom aktiv. Aus der Kajüte der Piriou Brüder war ein ständiges Husten und Röcheln zu hören. Das veranlasste ihn, dort nach dem Rechten zu sehen. Jose lag schweißgebadet auf seiner Koje und hustete heftig. Er hatte sich offensichtlich bei dem ersten Ritt über die Wellen ordentlich verkühlt, als alle begeistert ihre Köpfe in den Wind gestreckt und keiner darauf geachtet hatte, dass sie mit jedem Sprung über die Wellen immer nasser wurden. Dieses Erlebnis hatte sie alles vergessen lassen. Alberto fragte Dr. Gerrit Brom, ob es am Alter liegen würde oder ob es einfach Leichtsinn war, dass sich Jose verkühlt hatte. Brom lachte laut. "Leichtsinn, keine Altersfrage", meinte er. Das machte es zwar nicht besser, aber es ließ Husten und Fieber doch etwas leichter ertragen. Jan Person, der am Morgen auch etwas kränklich ausgesehen hatte, war soweit wieder in Ordnung, nur noch etwas heiser.

 

Aus dem Tagebuch des Otto Kraz

Schwere See, übermütige alte Männer. Krankheiten stecken wir weg. Gefühlte 30 Jahre alt, aber das Doppelte ist der Fall. Wir sind erst zwei Wochen unterwegs. Mir kommt es vor wie zehn. Wenn das so anhält, dann mache ich aus den nächsten zehn Jahre fünfzig. Gutes Gefühl. Fünfzig Jahre Leben mit sicherem Grundgehalt.

 

 

Am frühen Nachmittag holte Hanssen Pet Bär zu sich in die Kombüse. Er bat ihn, das Abendessen zuzubereiten, da es ihm nicht so gut ging. Ihm war schlecht und schwindlig. Er wollte ein wenig abliegen, um sich auszuruhen. Pet Bär schaute sich in der Kombüse um. Kein Speiseplan, nichts war vorbereitet. Der Kühlschrank war gut gefüllt, aber wer konnte denn einfach mal so ohne Plan etwas für zehn Menschen kochen? Pet ging zurück zu Hanssens Kajüte, der schlief aber schon tief und fest. Wecken wollte er ihn nicht. Also nochmals: Kontrolle im Kühlschrank, in der Vorratskammer und in der Kühlkammer. Gemüse, Fleisch, Nudeln, alles war vorhanden. Da lagen drei Suppenhühner im Kühlraum. Bei diesem Wetter eine Hühnerbrühe mit Nudeln und etwas Gemüse, das musste doch passen, dachte Pet Bär. Gegen Erkältung könnte das außerdem ganz hilfreich sein?

Die Grundlage: 6 Liter Wasser, Riesling und Gemüse. Jeweils noch eine scharfe Peperoni dazu, alles salzen und dann das Geflügel in die Töpfe und  der Sache Feuer machen.

Drei Stunden später war die Hühnerbrühe fertig. Pet Bär kochte noch ein paar Suppennudeln ab. Um 18.30 Uhr war der Tisch gedeckt. Die Hühnersuppe war Vorspeise, als Hauptgang sollte kalter Braten mit Brot und frischem Gemüse serviert werden. Bis auf Jose Piriou und Friedrich Hanssen tauchten alle auf. Alberto brachte seinem Bruder ein Tasse Hühnerbrühe ans Bett und Kapitän Larsen schaute nach Friedrich Hanssen.

 

Aus dem persönlichen Tagebuch von Pet Bär

 

Wir saßen alle am Tisch, als der Kapitän Dr. Brom in die Kabine von Friedrich Hanssen rief. Die Stimme des Kapitäns klang nicht wie gewohnt ruhig, laut und besonnen, eher aufgeregt. Der Doktor stand auf und eilte durch den Gang zur Kabine neben der Kombüse. Otto Kraz hinterher. Ich bat die anderen der Mannschaft, einfach sitzen zu bleiben und abzuwarten. Kraz kam nach ein paar Minuten zurück. Wir sollten einen Krankenwagen anfordern. Hanssen war nicht bei Bewusstsein und Brom konnte ihm mit unseren Mitteln nicht helfen. Jose Piriou rief einen Notarzt. Leider konnte der die letzte traurige Diagnose von Dr. Brom nur noch bestätigen. Friedrich Hanssen war fünf Minuten vor dem Eintreffen der Sanitäter verstorben. Sein Herz war einfach stehen geblieben. Herzmassage und andere ärztliche Hilfsmittel konnten es nicht mehr zum Schlagen bringen. Erschüttert über diese Nachricht standen wir alle still im Gang herum. Wir waren hilflos - mit vielen Fragen in den Köpfen. Einer von uns war tot.

Hanssens Leichnam wurde von der Polizei mit genommen. Er sollte obduziert werden. Der Kapitän erklärte uns, dass das in Ordnung sei. Und wir bekamen die Anweisung, dass die Blauzahn solange im Hafen liegen bleiben musste, bis der Tod von Friedrich Hanssen geklärt sei. Das war für uns in Ordnung, wir hatten alle im Moment sowieso keine Lust, unsere Tour überhaupt fortzusetzen.

An diesem Abend gingen alle sehr früh zu Bett, ohne noch etwas zu essen. Um 21.00 Uhr war Ruhe im Schiff. Ich machte noch meine Tageseintragungen. Dann saß ich lange am kleinen Schreibpult und hing meinen Gedanken hinterher. Otto Kraz kam mich kurz vor Mitternacht besuchen. "Auf ein Glas Wein, Pet. Ich kann nicht schlafen," meinte er.

 

Tagebucheintrag des Otto Kraz

Habe vorgestern noch mit Hanssen gescherzt. "Egal wann wir gehen, aber aufrecht", hat er gesagt. Wir haben gelacht. Waren uns einig. "Klar, du weißt es ja nie" habe ich entgegnet. "Ich könnte morgen über Bord gespült werden." Er war unser Jüngster. Habe ihn noch nicht einmal richtig gekannt. Wie hat er gelebt? Wo wollte er noch hin? War er glücklich? Hat er etwas gesucht? Hat er etwas geahnt? Ein klein wenig herzkrank sei er, hat er einmal lachend gesagt. Fehlt ihm jetzt ein Viertel vom Leben? Haben wir Anspruch auf 80 Jahre? Mein Kopf rast. Muss noch einen Wein mit Pet trinken.

 

Ansprache des Kapitän Larsen an die Mannschaft

 

Es war früh am Morgen. Pet Bär und Alberto Piriou kochten Kaffee und Tee und deckten den Frühstückstisch in der Kombüse. Alberto machte eine große Pfanne Rührei mit Speck. John McDundy war in die Stadt gefahren und hatte Brot besorgt.

 

Als alle am Tisch saßen, bat der Kapitän um Ruhe.

 

Liebe Freunde, wir haben einen aus unserer Crew verloren. Wir kannten uns erst seit ein paar Wochen, aber ich glaube, ich darf nun für uns alle sprechen, dass wir durch seinen Tod einen Freund verloren haben. Gemeinsam mit ihm wollten wir uns auf eine Abenteuerreise begeben, um Glück und Zufriedenheit zu suchen. Um das Alt-sein neu zu definieren. Nun haben wir einen der unseren verloren. Ja wir haben alle ganz fest an das Leben geglaubt und sind nun durch den Tod von Friedrich Hanssen aus einem Traum aufgewacht. Ich will aber eines dazu sagen. Der Tod gehört zum Leben wie das Wasser und das Brot. Ob wir nun über sechzig Jahre alt sind oder ob man wesentlich jünger ist, er ist immer allgegenwärtig und kann uns überraschen. Er darf uns auch überraschen, deshalb lasst uns einfach in gutem Gedenken an Friedrich Hanssen weitersegeln. 

 

Und es ist wohl an der Zeit, dass wir uns duzen. ( Ein kurzes zustimmendes Schweigen folgte )

 

Wie mir die Polizei heute morgen mitgeteilt hat, kam bei der Obduktion heraus, dass Friedrich an seinem Herzleiden gestorben ist. Er hat wohl über längere Zeit seine Medikamente nicht mehr genommen. Wir sollten alle keine Mutmaßungen anstellen, warum. Man kann es nicht mehr ändern. Es war seine Entscheidung. Wir dürfen also weitersegeln, wenn wir dies wollen. Ich selbst würde aber gerne noch hier in Brest bleiben. Die Frau von Friedrich kommt heute, um ihren Mann nach Hause zu holen und ich denke, wir sind es ihm schuldig, ihr unser Beileid zu bekunden und ihr persönlich seine Sachen zu übergeben. Seid ihr damit einverstanden?

 

Durch schweigendes Nicken aller wurde der Vorschlag des Kapitäns angenommen. John machte durch Handzeichen auf sich aufmerksam. Er wollte, dass wir alle nach oben gehen, griff sich eine Flasche Whisky, die er bereitgestellt hatte und deutete auf die Gläser. Jeder sollte sich eines greifen und mitnehmen. Die Mannschaft der Blauzahn folgte ihm. Auf Deck stellten sich in einen Kreis, John goss jedem einen großen Schluck Whisky ein. Gerrit rief ganz laut: Auf Friedrich, der uns jetzt aus einer anderen Perspektive zusieht.“ „Auf Friedrich! kam lautstark zurück. Die Gläser wurden mit einem Zug leer getrunken und landeten danach im Hafenbecken.

Keiner, ohne ein paar Tränen in den Augen. Keiner, der nicht schwer schlucken musste. Keiner, dem man den Schmerz nicht ansah.

 

Fortsetzung folgt

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Kommentare: 10
  • #1

    gerald (Samstag, 14 März 2015 14:00)

    Ein französisches Sprichwort besagt "Ne jamais deux sans trois". Er schaut uns jederzeit über die Schulter, egal wie alt wir sind. Das Gefühl verstärkt sich mit zunehmendem Alter, schützen können wir uns davor nicht, nur damit leben müssen wir. Ein gutes Glas auf die Zukunft und das was kommt!!!

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