Kapitel 4

Um 17.45 Uhr wurde über den Bordlautsprecher verkündet, dass man erst um 19.00 Uhr zum Essen gehen konnte. Dr. Gerrit Brom fehlte, da er noch nicht alle Mittel zusammengefunden hatte, die eine kleine Notstation auf einem Schiff zur Erstversorgung von Krankheiten oder auch Verletzungen benötigte.  Er hatte den Kapitän kurz bevor er das Schiff verlassen hatte, darauf angesprochen, warum die ganzen Aufgaben eigentlich nicht schon vor dem Auslaufen auf Nordstrand erledigt worden waren.

Kapitän Larsen antwortete so laut, dass alle, die in der Nähe standen, seine Antwort auch verstehen konnten: Weil ich erst wissen wollte, wer überhaupt alles dabei bleibt, wie wir uns zusammenfinden und weil ich mir nicht sicher war, ob wir nach diesem Zwischenstopp auch tatsächlich weitersegeln würden. Inzwischen bin ich mir sicher. Dieses erste Stück Freiheit haben wir uns durch unsere Entscheidung erobert! 

 

 

Um 19.00 Uhr versammelten sich alle an Deck. Der Kapitän hatte aus der Hafenmannschaft zwei Leute für die Bewachung des Schiffes engagiert, sodass alle zum Essen mitgehen konnten.  Friedrich Hanssen führte sie durch die Altstadt von St. Malo zu einem alten grauen Steinhaus. Der Eingang zur Schenke führte über eine steile Steintreppe in einen Gewölbekeller. In der kleinen Gaststätte war nur Platz für eine Tafel mit rund fünfzehn Sitzen. Am Ende des Raumes befand sich noch eine lange Theke die von drei Besuchern besetzt war, ansonsten war nur der Wirt anwesend, der alle auf das herzlichste begrüßte. Hanssen erklärte der Mannschaft der Blauzahn, dass der Wirt einstmals mit ihm in Brüssel in einem Hotel zusammen gearbeitet habe.

 

 

Aus der Chronik der Blauzahn 3. Februar 2015 20.00 Uhr Pet Bär

 

"Wir saßen gemeinsam an einer nur mit ein paar Wassergläsern und Wasserkaraffen gedeckten Tafel. Der Wirt und eine etwa fünfunddreißig Jahre alte Frau trugen nun Weingläser, Besteck und Geschirr auf. Der Wirt fragte nicht, was wir trinken wollten, sondern brachte drei unterschiedliche Weine herein. Der Rotwein war schon in einem Dekanter abgefüllt, die beiden Weißweinflaschen entkorkte er an unserem Tisch.  Bis auf den Kapitän und mich entschieden sich alle für Rotwein. Ein dunkler kräftiger Bordeaux. Der Kapitän wählte einen Pinot Blanc und ich einen Pinot Grigio.

Die junge Frau, die uns den ganzen Abend bediente, stellte sich als Beatrice Monte vor.

Vorspeise: unterschiedlich geräucherte Fische, Brot und eine Kräutertunke.

Zwischengang: Gemüsesalate. Brokkoli, Möhren und Rote Beete.

Hauptgang: Galette gefüllt mir Pilzen, Speck und Spinatblättern.

Der Wein floss reichlich und nach dem Hauptgang spürte man, dass der starke Rotwein bei einigen seine Wirkung zeigte. Die Unterhaltung wurde lauter und ein paar Weinglas verloren an Standfestigkeit.

Der Wirt und Koch hatte sich ganz in seine Küche zurückgezogen und Beatrice Monte bediente uns alleine. 

Nachtisch: Kuchen. Dazu gab es dann Kaffee oder Wein und einen Calvados.

Friedrich Hanssen und Alberto Piriou halfen noch in der Küche. Gegen Mitternacht waren wir zurück auf dem Schiff.

Die Freiheit dieses Abend bestand nur darin, zu schlemmen, zu genießen und viel zu reden. Um 1.00 h nachts ging auch ich zu Bett."

 

 

Der Abend war wunderbar. Die Mannschaft der Blauzahn vergnügte sich bei all den Köstlichkeiten mit intensiven Gesprächen. Alberto Piriou, der zusammen mit Dr. Gerrit Brom etwas verdeckt hinter einem Pfeiler gesessen hatte, musste seinen Tischnachbarn bedienen, da Beatrice Monte ihm die Teller nicht direkt reichen konnte. Immer wieder musste sie sich leicht bei Alberto aufstützen, damit sie Teller, Gläser oder auch Getränke abstellen konnte. Alberto nahm das unbefangen hin, im Laufe des Abends schien er diese kleinen flüchtigen Berührungen sogar immer mehr zu genießen. Sie kamen dann und wann ins Gespräch, bis die beiden immer länger miteinander plauderten. Beatrice Monte holte sich irgendwann ein Stuhl, setzte sich eine Zeit lang hinter Alberto Piriou. Er schenkte ihr ein Glas vom Pinot Grigio ein.

 

Tagebucheintrag Otto Kraz - 12:47 Uhr

"Kneipe, Wein, wunderbares Essen. Ein extrem guter Start. Starkes Gefühl. Albertos Augen waren heute Abend höchstens 40 Jahre alt und strahlten wie eine aufgehende Sonne. Und ich muss außerdem feststellen: Der Blick von innen heraus ist erstaunlicherweise auch mit 63 glasklar und ungetrübt. Als gäbe es hier eine Konstante im Leben, die nicht altert. Steckt die Freiheit vielleicht in dieser Konstanten?"

 

 

Keiner bemerkte, dass Friedrich Hanssen und Alberto Piriou gar nicht mit der Mannschaft zum Schiff mitgegangen waren.

Hanssen saß noch bis kurz vor Morgengrauen bei seinem alten Freund, dem Wirt. Alberto war zusammen mit Beatrice in der Küche. Sie verzögerten absichtlich das Aufräumen, bis die Frau des Wirts übermüdet und freiwillig das Feld  räumte und die beiden alleine ließ. Bald standen sie dicht nebeneinander am erkalteten Herd und unterhielten sich leise. Als der Wirt in Küche kam, um das Licht zu löschen, hielten sie sich schon fest umarmt.

Der Abschied:Zwei flüchtige Küssen auf die Wangen und dann, wie ein heftiger Nachschlag, ein gar nicht mehr so flüchtiger Kuss auf die Lippen. Der Wirt bemerkte noch, wie Beatrice einige Tränen wegwischte und dabei einen kleinen Zettel fest in ihrer rechten Hand hielt.

Gegen 6.00 Uhr am Morgen ging Alberto gemeinsam mit Hanssen zurück zum Schiff.  Auf dem Weg zum Hafen sprachen sie kein Wort miteinander, aber auf dem Oberdeck nahm Friedrich den kleineren Alberto fest in den Arm und wünschte ihm eine gute Nacht. Dann schaute er ihm in die Augen und meinte zum Abschied: Tut es sehr weh? Du Glücklicher! Er verschwand unter Deck. Alberto stand noch eine Weile an Deck und schaute hinaus aufs Meer. Dann ging auch er schlafen. Oder besser, er versuchte zu schlafen.

 

Tagebucheintrag Otto Kraz 7:36 Uhr

Habe einen verrückten Traum gehabt. War als Forscher auf die Konstante des Lebens gestoßen und wollte sie in eine Formel packen. Da kam Alberto in mein Labor und meinte, die Freiheit der Piraten wäre X = log $ hoch Lebensalter. Ich war extrem verwirrt und plötzlich hellwach."

 

Um 11.00 Uhr begann das Leben auf der Blauzahnschon wieder zu pulsieren. Kapitän Larsen und McDundy besprachen zum zweiten Mal das Programm für den Tag. Die Vorräte und der Treibstoff waren an Bord. Jose Piriou und Wilhelm Bossmann standen bereit. Da ein Großteile aller Manöver des Segelbootes durch technische Einrichtungen unterstützt wurden, waren nur vier Mann für den Betrieb auf See notwendig. Pet Bär und Otto Kraz waren um 13.30 Uhr bereit, die Leinen zu lösen und die Blauzahn lief aus dem Hafen, zuerst mit Motorenkraft. Auf See wurden dann bei leicht auffrischendem Wind die Segel gesetzt. Zum ersten Mal lief die Blauzahn unter Segel. Alle standen an Deck und sahen, wie die Segel sich aufblähten. Und genossen es in vollen Zügen. Die Blauzahn machte Sprüngen und tanzte auf den Wellen. Man war es ja gewohnt, dass die Wellentäler das Boot ins Schlingern brachte, aber nun legte sich das Schiff leicht in den Wind, auf die Seite. McDundy und Larsen hatten beide ein breites Lächeln auf den Gesichtern. Aber als sich die Landratten an das Gefühl des unsicheren Bodens gewöhnt hatten, empfanden auch sie das Ganze als erhebend, fantastisch, lebensprall und einfach nur schön. Die Blauzahn schoss mit 15 Knoten über die Wellen, die Gischt überspülte die ersten zwanzig Meter der Planken und verlor sich dann im Nichts. Die Luft war erfüllt von Geräuschen des Windes, der Wellen und des Knarrens vom Boot selbst. Alle waren an Deck, die Gesichter in den Wind gerichtet. Man musste sich schon gut festhalten, um nicht dorthin gedrückt zu werden, wohin man nicht wollte. Irgendjemand brüllte das Wort FREIHEIT in die verrückte Welt der Nordstrandpiraten.

Der Wellengang setzte fast allen zu. Dr. Gerit Brom nahm wieder die Farbe von irischem Moos an und Otto Kraz begab sich unter Deck. Diesmal half aber eine gute Tasse Tee den meisten wieder auf die Beine. Der Smutje hatte einen Kräutertee mit viel Ingwer und Zitrone gemacht.

Auf See schien die Sonne und die Mannschaft spürte weder die 3 C° noch den Wind. Alle hatten sich mit warmer Kleidung versorgt und die Begeisterung für diesen wilden Flug über die Wellen ließ nur Hochgefühlezu.

Um 16.30 Uhr wurde es immer dunkler. Die Beleuchtungen wurden eingeschaltet und das Radar intensiver beobachtet. Die Plattfußwache hatte Jose Piriou übernommen. Jan Person war der zweite Mann an Deck. Alle anderen waren in der Messe. Friedrich Hanssen hatte einen Kartoffelauflauf mit viel Speck und Bohnen gemacht. Die Unterhaltung am Tisch war sehr verhalten. Offensichtlich waren alle müde. Selbst Dr. Gerit Brom konnte ein paar Bissen zu sich nehmen und behielt die auch bei sich.

 

Aus dem persönlichem Tagebuch des Pet Bär

Zum ersten fuhr die Blauzahn unter Segel. Für alle war es ein erhebendes Gefühl, über die Wellen zu reiten.

Das Essen war köstlich, die Meeresluft machte hungrig. Zudem hat Otto Kraz ein paar Flaschen aus seinem Weinkeller spendiert. Guten Bordeaux aus Frankreich und auch eine Flasche spanischen Roten mit einem unaussprechlichen Namen, aber immerhin 14 Volumenprozent. Jeder, der keine Wache hatte, genehmigte sich ein zweites Glast. John McDundy und ich hatten die Abendwache von 20.00 bis 24.00 Uhr.  Wir tranken nur eine paar Tropfen Wein. Müdigkeit und Alkohol waren keine guten Steuerleute.

 

Der Kapitän machte um 19.30Uhr seine letzte Runde und wünschte jedem eine gute Nacht. Das Wetter war für die Jahreszeit ruhig und so konnte er auch beruhigt zu Bett gehen. Um 19.45 Uhr fand die Übergabe der Plattfußwache an uns, die Männer der Nachtwache, statt. Zum ersten Mal für mich, dass ich gemeinsam mit einem erfahrenen Steuermann, zudem noch in der Dunkelheit, ein Segelschiff mit steuerte. Alle halbe Stunde musste ich einen Rundgang vom Bug zum Heck machen und dann noch jede Stunde einen Rundgang unter Deck. Die elektronischen Hilfsmittel, über die das Boot verfügte, machten das eigentlich unnötig, aber der Kapitän wollte es so.

Das Radar zeigte uns an, wo sich andere Schiffe befanden. Einmal wurden wir von der französischen Küstenwache über Funk angerufen. Als sie unseren Schiffsnamen hörten und den Kurs bekamen, vernahmen wir im Hintergrund des Funks eine Stimme, die sagte. Das ist das schwimmende Altersheim aus Nordstrand. Mein Französisch war nur noch sehr rudimentär, sodass ich keine passende Antwort geben konnte. Der stumme McDundy  streckte wütend den Stinkefinger in den Himmel.

 

Tagebuch Otto Kraz

"Schwimmendes Alterheim ist für mich wie ein Orden. Das fliegende Klassenzimmer. Das schwimmende Altersheim. Wieso denn nicht? Wenn man bedenkt, dass unser Alter ein echter Erfolg und unsere Blauzahn eine wunderbare Villa ist, ist die "schwimmende Erfolgsvilla" doch eine gute Sache."

 

Um 23.00 Uhr frischte der Wind auf, McDundy holte die Segel ein und wir fuhren mit Motorkraft weiter. Ich brauchte nur zu kontrollieren, ob die Segel auch gut eingerollt waren und ob alles so war, wie es sein sollte. Wir segelten nur noch mit rund zwölf Knoten weiter. Um 23.45 Uhr war Übergabe der Nachtwache an die Hundswache, die von 24.00 bis 4.00 Uhr ging. Piriou-Kraz stand auf dem Plan. Erschöpft gingen wir zu Bett.

Um 7.00 Uhr stand ich auf, zog mich an und ging an Deck. Obwohl ich nur knappe fünf Stunden geschlafen hatte, fühlte ich mich ausgeruht und fit. Kapitän Larsen und  Wilhelm Bossmann hatten Morgenwache. Friedrich Hanssen versorgte sie gerade mit heißem Tee und ich bekam auch gleich einen Becher der heißen Brühe in die Hand gedrückt. Der Kapitän klopfte mir auf die Schulter, nickte mir, ohne ein Wort zu sagen, zu und zeigte mit der rechten Hand raus aufs offen Meer. In einiger Entfernung sah ich ein gewaltiges Schiff auf uns zukommen. Auf See ist die Entfernung von einem Schiff zum anderen schwer zu schätzen. Kapitän Larsen meinte nur, dass sich unsere Kurse wohl kreuzen würden und wir als das kleine Schiff ausweichen müssen. Der Kapitän ließ den Kurs ändern, sodass das andere Schiff an der Backbordseite an uns vorbeifahren konnte.

In etwas fünfhundert Metern Entfernung segelten wir an dem riesigen Containerschiff vorbei. Wir hatten schon einen kräftigen Seegang, aber die Welle, die das Schiff verursachte, traf uns doch etwas heftiger als ich das erwartet hatte. Wir rauschten in zwei tiefe Wellentäler und das Boot wurde komplett überspült. Für mich ein Erlebnis der besonderen Art. Seit wir unter Segel fuhren und durch die Winde getragen die Wellen durchpflügten, da spürte ich, dass der Wind und das Wasser eine Macht ausübten, die wir nur demütig versuchen konnten, für unsere Zwecke auszunutzen. Mehr nicht. Im Kopf war mir das alles schon lange klar, es erschien alles logisch, aber es dann wirklich genau so zu spüren, das war etwas ganz anderes.

Und da gab es noch etwas. Früher war ich gewohnt, als Führungskraft Macht auszuüben. Und nun war ich einer unter zehn. Der Kapitän war das Kompetenzzentrum und ich?Wer war ich? Ich musste lernen, mich einzubringen, einzufügen, meine alten Kompetenzen nützten hier wenig.

Ein kleines öffentliches Geständnis: Es nagt schon noch sehr an mir, dass ich einfach nur Pet Bär bin. Meine Synapsen waren offensichtlich einfach zu lange darauf geeicht, dass ich das Sagen habe. Und jetzt habe ich es definitiv nicht mehr. Doch ich glaube an mich. Synapsen muss man doch sicher wieder auf Null setzen können.

 

Tagebucheintrag Otto Kraz

Nach einem Gespräch mit Pet Bär stellt sich eine zentrale Frage: Kann man während einer Weltumsegelung seine Synapsen auf Null setzen? Schwierige Frage. Aber wir werden versuchen, es herauszufinden. Klar doch. Nordstrandpiraten sind Lebensforscher.

Forschungsthemen der Woche

1.    Lebenskonstante

2.    Synapsen zurücksetzen

3.    Weinauswahl

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Kommentare: 1
  • #1

    ulresearch (Donnerstag, 19 März 2015 18:34)

    Ein kleiner Beitrag zu einem Eurer Forschungsthemen als Hilfestellung anbei. Synapsen zurücksetzen (hemmen) ist möglich:

    "Trotzdem ist es den Martinsrieder Forschern in einem bahnbrechenden Experiment gelungen, die Vorgänge an den Dornen live zu verfolgen. Ihr Trick: Zunächst legten sie die elektrische Aktivität der Nervenzellen mit einem Hemmstoff lahm. Nur in einem winzigen Bereich wuschen sie den Hemmstoff mit einem Spülsystem aus dem Gewebe und riefen dort synaptische Langzeitpotenzierung hervor. So konnten sie die Zahl der infrage kommenden Synapsen entscheidend einschränken und beobachten, dass die Verstärkung der Synapsen neue Dornen wachsen lässt. In weiteren Studien wiesen die Neurobiologen nach, dass die neu gebildeten Dornen tatsächlich Synapsen tragen und die zu den Dornen gehörigen Sendestationen auf den Axonen ebenfalls umgebaut werden. Damit war klar, dass besonders aktive Nervenzellen nicht nur die Stärke ihrer Synapsen verändern, sondern sogar komplett neue Verbindungen bilden können. " [ http://www.mpg.de/7229704/F001_Fokus_020-026.pdf ]

    Ich wünsche Euch weiter viel Erkenntnisse und Freude (am Leben)