Kapitel 3

Die Abendwache übernahm Alberto Piriou zusammen mit Pet Bär. Die Blauzahn fuhr immer noch mit Maschinenkraft, da zum Segelbetrieb mindestens vier Mann notwendig waren. Und es standen derzeit keine vier Mann mit Segelerfahrung zur Verfügung. Das Radar zeigte leichten Seeverkehr im Ärmelkanal. Man musste einfach darauf achten, dass man dem querenden Fährverkehr rechtzeitig ausweichen konnte. Die See wurde etwas unruhiger und mit einer Windstärke von 5 bis 6 war die Mannschaft auf der Blauzahn noch sehr gut bedient.

Die fast 600 Kilometer - ca. 325 Seemeilen- wurden mit etwa 8 Knoten in der Stunde zurückgelegt. Fast 35 Stunden auf hoher See. Für den Anfang einer nicht eingespielten Mannschaft eine große Herausforderung. Aber die Männer der Blauzahn hatte das ja so gewollt. "Selbst schuld", würde jeder normale Mensch meinen, dem sie sagen würden, dass es hart wäre, Nordstrandpirat zu sein. Über 60 und noch einmal aufgebrochen, Neuland zu erobern. Die Welt zu umsegeln. Sich noch einmal neu zu erfinden. Die letzten 10 oder 20 Jahre seines Lebens zu gefühlten 20, 40 oder 60 Jahren zu machen. Wenn es denn klappen würde. Denn eines war allen klar: Dies war ihre letzte wirklich große Fahrt in ihrem Leben, definitiv. Und ganz egal, wie schwer sie ihnen fallen würde, sie würden jede Minute in vollen Zügen genießen!


Dr. Gerrit Brom war der erste der Seekranken, der sich erholte. Otto Kraz und Jan Person wurden danach von ihm behandelt. Es dauerte aber noch fast 10 weitere Stunden, bis die beiden wieder auf den Beinen waren. 

Inzwischen raute die See etwas weiter auf und die Wellen ließen die Blauzahn  heftiger krängen als bisher. Aber der Kapitän verstand es durch geschickte Veränderung des Kurses gut, Schlimmeres zu verhindern. Die Fahrt nach St. Malo dauerte deshalb auch 10 Stunden länger als geplant, aber sie verlief bis auf einige regnerische Stunden ruhig und ohne Zwischenfälle.

Ankunft am ersten Reiseziel

Als die Blauzahn nach 46 Stunden am 10. Februar gegen 10.00 Uhr morgens in das Hafenbecken einlief, staunten die Besatzungsmitglieder der Fähren, die im Hafen lagen, nicht schlecht, dass der Einmaster nicht in den Jachthafen, sondern in den Fährhafen einlief. Aber die Blauzahn war einfach zu groß und ihr Tiefgang nicht passend für den Jachthafen.
Der Hafenmeister ließ der Slup einen Liegeplatz zuweisen. Nachdem sie an der Kaimauer verzurrt und die üblichen Formalitäten mit dem Hafenmeister erledigt waren, gönnten sich alle bis auf Wilhelm Bossmann eine Ruhepause. Wilhelm hielt Wache an Deck. 

Kapitän Larsen´s zweite Ansprache 

Gegen 14.00 Uhr ließ Kapitän Larsen alle an Deck antreten, um mit der Mannschaft Weiteres zu besprechen.

„Meine Herren, wir haben nun unser Schiff und seine Fähigkeiten auf dieser Strecke zwischen Nordstrand und St. Malo kennengelernt. Einige haben dabei auch die Befindlichkeiten ihres Magens  erfahren. Der eine oder andere von Ihnen wird sich schon einmal Gedanken gemacht haben, ob diese Seereise wirklich das Richtige für ihn ist. Ich glaube im Namen aller sprechen zu dürfen wenn ich die Frage an uns alle stelle: Ist diese Reise das, was ich erleben will? – Ist dieses Segelboot der Ort auf dem ich mich selbst, meine Fähigkeiten, vielleicht auch das Abenteuer und die Freiheit, die ich meine, finden kann? Keinem kann man böse sein oder es ihm übel nehmen wenn er Nein sagt. Jetzt sollte jeder für sich die Entscheidung treffen, weiterzumachen oder von Bord zu gehen. Ich werde nun herumgehen, meine Hand auf Ihre Schulter legen und jeder sagt mir seine Entscheidung.  Die lautet dann: Ja, ich bleibe oder ich gehe von Bord. Nichts anderes, kein weiteres Wenn und Aber oder andere Erklärungen.“ Er ließ allen einige Minuten Zeit zum Nachdenken. Dann ging er von Mann zu Mann, legte sein Hand auf die rechte Schulter und wartete auf die Antwort. Danach stellte er sich wieder in die Mitte und sagte laut und vernehmlich. „Also gut, meine Herren. Keiner will gehen, wir bleiben zusammen. Unser letztes Wort.
Und nun schlage ich vor, dass wir uns einen kleinen Snack gönnen, dann das Schiff auf Vordermann bringen und uns heute Abend in der Stadt ein nettes Speiselokal suchen. Smutje, das ist Ihre Aufgabe.“ Er schaut nochmals in die Runde. 
„Was meinen Sie damit - auf Vordermann bringen ?“ fragte Dr. Gerrit Brom.
Käpt'n Larsen lachte laut hinaus. „Ja, das hatte ich ganz vergessen. Wir sind noch kein eingespieltes Team und müssen uns mit den Aufgaben, die jeder von Ihnen einzeln übernehmen muss, erst vertraut machen."

Vorschriften und Arbeitsverteilung. Ist das die neue Freiheit?

Fangen wir gleich mit Ihnen an Dr. Brom. Wir haben noch keine Krankenstation. Es gibt aber die Kabine an Achtern, die leer steht. Die richten Sie bitte dafür her. Ein Bett und auch Wandschränke sind ja drin, aber was fehlt, das müssen Sie besorgen. Gehen Sie einkaufen, Apotheken gibt’s genug und was sie da nicht finden, kaufen Sie im Internet und lassen es dann an unseren nächsten Hafen nach Bordeaux schicken. Informieren Sie vorher den dortigen Hafenmeister.
Nun zu Ihnen, Friedrich Hanssen. Überprüfen sie bitte alle Vorräte. Für zehn Mann Nahrung für mindestens 10 Tage. Und wenn etwas in der Kombüse fehlt – einkaufen gehen. Trinkwasser und Brauchwasser bitte beim Hafenkapitän bestellen. Die beiden Tanks für das Trinkwasser zeigt Ihnen John McDundy. 
John McDundy, bitte prüfen Sie alle nautischen Geräte, das Radar, das Funkgerät und kontrollieren Sie alle Tampen, Seile und Taue. Was fehlt oder was nicht in Ordnung ist, wird neu gekauft und ersetzt.
Wilhelm Bossmann: Maschine checken, Treibstoffstand überprüfen, Diesel bestellen. Die Tanks müssen voll sein. Schmiermittel und Kühlmittel prüfen. Was fehlt  - kaufen.
Otto Kraz, Sie sind unser Zahlmeister. Ich übergebe Ihnen dieses Amt. Sie kontrollieren die Finanzen, sorgen dafür, dass genügend Bargeld an Bord ist und dass unser gemeinsames Konto immer gefüllt ist.“ Er schaute Otto an und musste laut lachen. „Nein, Sie müssen jetzt keine Bank überfallen, unser Sponsor hat ja in einen Nordstrandpiratenfonds einbezahlt. Der steht uns allen zur Verfügung. Aber jeder Euro, jede andere Währung, die wir benötigen und verbrauchen, muss buchhalterisch festgehalten werden. Sie sind der Finanzverwalter. Wir haben insgesamt drei Scheckkarten und drei Visakarten zur Verfügung. Ohne Namen nur mit einer PIN-Nummer und einer zusätzlichen Geheimzahl gesichert. Sie verwalten diese und wer etwas bargeldlos kaufen muss - für das Schiff oder für unsere Reise - bekommt die notwendigen Zahlungsmittel von Ihnen.“

Er ging weiter zu den beiden Brüdern Piriou. „Sie beide sind für die Segel und das Deck verantwortlich. Heute Mittag werden wir Segel setzen und reffen üben. Da alles fast komplett motorgesteuert ist, dürfte das kein Problem darstellen. Die Handhabung haben wir ja bereits zweimal auf Nordstrand geübt. Und die Deckordnung hat jeder in seiner Kabine. Ich bitte diese nochmals durchzulesen und unbedingt darauf zu achten, dass sie auch eingehalten wird. Ein Zeitplan, wer für das Deckputzen und -scheuern eingeteilt ist, wird Alberto Piriou erstellen. Der Plan muss mit meinen  Plänen, wer Wache schiebt, abgestimmt sein.“

Er ging weiter, stellte sich vor Pet Bär und winkte höflich Jan Person zu sich. „Sie meine Herren sind für alles unter Deck verantwortlich. Leckschutz und Kontrolle. Einhalten von Ordnung und Sauberkeit und Sie sind die beiden, die für die Brandbekämpfung zuständig sind. Sie kontrollieren alle Mittel zum Brandschutz. Überprüfen Sie die Reinigungsmittel und die Werkzeuge zum Säubern unter Deck. Brand- und Leckschutz-Informationen liegen in Ihren Kabinen bereit.“

Dann stellte er sich wieder in die Mitte und sagte in die Runde: „Jeder ist für die Ordnung und Sauberkeit in seiner Kabine und dem Gang vor der Kabine zuständig. Jeden Tag wird gekehrt und feucht gewischt. Wir haben eine Waschmaschine und einen Trockner für die Wäsche zur Verfügung. Ein Plan, wer wann seine Wäsche waschen und trocknen darf, hängt an dem Schott zum Waschsalon. Schauen Sie nicht so entsetzt. Sie wollen alle mit dabei bleiben - hier auf diesem Schiff. Es gibt dabei Pflichten, die zu befolgen sind. Die Freiheit, die Sie haben wollen, gilt es ab jetzt zu erobern. An die Arbeit, meine Herren. Um 18.00 Uhr ziehen wir dann zum Essen in die Stadt.“  

Aus dem persönlichem Tagebuch des Pet Bär. 

Das Handbuch zur Brandbekämpfung und die Informationen zum Leckschutz liegen auf meinem Tisch in der Kabine. Am besten wird es sein, dass ich mir alles, was an Material oder Werkzeugen benötigt wird, anschaue und mir dann nochmals diese  Dinge verinnerliche. Ich hatte ja eigentlich gemeint, dass ich als Chronist schon eine Aufgabe habe, die mich komplett ausfüllt. Aber gut, wenn es denn sein soll, dann übernehme ich natürlich auch weitere Bereiche. 
Stellt sich trotzdem die große Frage: Was ist mit der Suche nach der Freiheit? Dieser Freiheit, mit über 60 Jahren das Leben anders zu gestalten, als man das üblicherweise als Rentner macht ? Werde ich neben meinen Aufgabe noch genügend Zeit dazu haben? Ich bin immerhin unserem Sponsor verpflichtet, der dieses sündhaft teure Abenteuer finanziert. Ich soll ihm im Detail aufschreiben, wie wir es denn bewerkstelligen würden, diesen nebulösen Begriff von neuer Freiheit real werden zu lassen. 
Seit wir diese Reise begonnen haben, bin ich kaum zum Schlafen gekommen. Eigentlich kein Problem. Ich bin sie seit Jahren gewohnt, die Schlaflosigkeit. Aber nun ist das etwas anderes. Vorher war es meine Rastlosigkeit, die mich nicht schlafen ließ. Die Panik über die ohne wirkliche Aufgaben rasend verrinnende Zeit.  Jetzt ist es wohl die Suche nach Freiheit und die Übernahme von Aufgaben. Vielleicht habe ich Angst zu versagen. Vielleicht traue ich mir das alles gar nicht zu?
Passt Aufgaben übernehmen und Freiheit überhaupt zusammen? 
Na ja, ich werde es erleben.
Und akribisch aufschreiben.

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