Kapitel 2

Die erste Ansprache des Kapitän Larsen

In warme Jacken gehüllt standen alle am Heck der Blauzahn. John McDundy hatte die Ruderpinne mit seinem typischen Lächeln fest im Griff.

Larsen schaute jedem kurz und fest in die Augen, legte dann John die Hand auf die Schulter und begann seine Rede.

" Wir wissen alle, warum wir diese Reise unternehmen. Wir haben uns zusammengefunden, weil wir alle das gleiche Ziel verfolgen. Aber ich will uns das allen nochmals vor Augen führen. Will es in den Verstand versenken, den wir doch alle besitzen!"

Dann nahm er seine Hand von der Schulter des Steuermanns und begann rund um die Steuerruder herum zu gehen.

"Wir haben diese Reise geplant, weil wir uns etwas erhalten wollen. Die Freiheit, uns selbst zu zeigen, dass wir zwar alte Männer sind, aber immer noch normale Menschen, die sich eben nun in einem neuen Abschnitt ihres Lebens befinden. Dieser neue Abschnitt unseres Lebens ist nicht von uns gewählt worden. Dieser Abschnitt ergab sich ganz von selbst oder wurde einigen von uns auch einfach aufgedrückt. Wir haben alle eine Leben lang gearbeitet, Familien gegründet, unsere Erfolge gehabt und unser Brot verdient. Manche entspannter, manche ganz schön hart. Wir unterscheiden uns da nicht von Millionen anderer Menschen. Und so wie es sich gehört, durften wir nun unseren "verdienten Lebensabend" beginnen, wie das immer in diesen unsäglichen Abschiedsreden genannt wird. Beneidet von der Jugend, weil wir nicht mehr zu arbeiten brauchen. Und gleichzeitig sind wir irgendwie trotzdem ungeliebter als vorher, weil wir ein gesellschaftlicher Kostenfaktor geworden sind. Trotzdem: Für Politik und Wirtschaft sind wir eine wichtige Zielgruppe. Für unsere Lieben zu Hause sind wir oft nervige oder auch geliebte oder manchmal auch einfach nur noch "alte Männer". Charmant sagt man uns manchmal: Du? Alt? Nein, dir sieht man das doch nicht an. Blah blah blah. Die zentrale Frage lautet aber: Wer sind wir für uns selbst? Diese Frage hat uns hier zusammengebracht."

Er kratzte sich am Bart, als ob er überlegen müsste, was er nun sagen sollte.

"Wir sind zusammengekommen, um diese Frage zu beantworten. Wir wollen für uns das Alt-sein neu definieren. Den richtigen Stellenwert für uns selbst und auch, wenn es sich ergibt, für andere anbieten. Das Leben ab 60 darf keinem Diktat unterworfen sein. Seniorenteller in der Gaststätte, Seniorenermäßigung in der Straßenbahn, Seniorenunterwäsche, Seniorenratgeber, Seniorenhandy, Seniorenreisen, meine Herren, wir waren uns einig, diese Begriffe berühren uns nicht. Die alten Herren im Fußball sind die über 30. Die alten Herren im Leben sind die über 60.  Du kannst mit 40 oder mit 70 an einem Herzinfarkt sterben. Zwischen 60 und 70 darf das Leben deshalb genauso bunt und prall sein wie zwischen 30 und 40. Und auch in der Uraltherrenmannschaft zwischen 70 und 80 bringt man den Sinn dieses Lebens immer noch auf den Punkt. Hier an Bord steht also eine Altherrenmannschaft und wann genau wir den Löffel weglegen, spielt dabei keine Rolle. Das ist unser Plan. Altherrenmannschaft statt Seniorenheim. Man muss uns nicht beschützen. Man muss uns einfach weiter machen lassen. Man darf uns sogar ernst dabei nehmen, wenn man sich einen Vorteil davon verspricht. Oder wenn man merkt, dass wir es sind, die viel über dieses Leben an sich zu erzählen haben. Sofern man Lust hat, uns genau zuzuhören.

Wenn nicht, sollte man uns einfach ignorieren. Aber bitte nicht bedauern und schon gar nicht beschützen wollen, weil wir nicht mehr die starken Männer sind, die einst als dieses starke Geschlecht beruflich Karriere gemacht haben.

Wir lichten die Anker. Wir legen ab. Wir lassen den Seniorenteller hinter uns. Wir verzichten auf die Seniorenreisen und segeln unsere ganz eigene Route. Wir kleiden uns so, wie wir das wollen und nicht, wie man sich als Senior kleidet. An Bord schneidern wir unsere Westen selbst und tüfteln an unseren eigenen Rezepten. Wir führen genau die Gespräche, die uns gut tun. Wir schauen uns die Welt aus der altersgerechten Ferne an und haben unseren Spaß an der kritischen Betrachtung. Wir dürfen das, weil wir uns die Altersrebellion redlich verdient haben.

Alles gehört dazu, wirklich alles. Wir sind alt genug, dass wir nichts mehr überdecken müssen. Wir wollen die Freiheit erreichen die uns gerecht wird."

Er unterbrach seine Wanderung, schaute hoch zur Mastspitze und sprach wie zum Himmel. "Es gibt auch Regeln, an die wir uns halten müssen. Regeln die unser Leben sichern. Wir haben diese Slup als Reisevehikel gewählt, weil hier eines ganz sicher sein muss. Wir müssen uns aufeinander verlassen können. So wie ich der Kapitän bin und den Kurs vorgebe, der Steuermann meinen Anweisungen folgen und der Maschinist seine Arbeit tun muss, so sind wir alle aufeinander angewiesen. Alles andere ist unsere Freiheit, die wir uns erobern wollen.

Unser Chronist Pet Bär wird alles aufschreiben.

Kann er das gerade mal nicht, wird es Otto Kraz für ihn tun.

Und nun Steuermann: Kurs West - Süd West. In die Bretagne nach St. Malo.

Smutje. Tee für mich und den Steuermann"

 

Die Mannschaft

 

Kapitän Lars Larsen -  64 Jahre alt - Norweger.

Ehemaliger Kapitän der mit Tankern die Weltmeere bereiste.

Geschieden...182 cm groß - dunkle Haare, Graublaue Augen  Vollbart , Pfeifenraucher

Ein umtriebiger, aber bedachter Mann mit einer anscheinend unbegrenzten körperlichen Energie. Nichts kann ihn aus der Ruhe bringen, außer Disziplinlosigkeit.

 

Erster Offizier und Steuermann John McDundy - 66 Jahre alt - Schotte

Profi-Segler. Stumm von Geburt - 176 cm groß, etwas zu breit um die Hüfte geraten, Glatze und einen gezwirbelten Schnauzer. Frauenschwarm. Das Lächeln ist sein Markenzeichen. Schreibt gerne Gedichte über die Sonne und den Mond. Schreibt sie auf, gibt sie jemandem zu lesen, nimmt dann das Blatt Papier wieder weg und verbrennt es.

 

Matrosen Jose Piriou und sein Zwillingsbruder Alberto  - 61 Jahre alt - Spanier und ehemalige Mittelmeer-Seeleute auf Frachtern, Kreuzfahrtschiffen. Beide 166 cm groß, durchtrainierte Körper,  schüttere schwarze Haare und ständig unrasiert, sowie immer etwas ungepflegtes Äußeres, das aber bewusst so getragen wurde. Begeisterte Segler und Köche aus Leidenschaft. Beide verwittwet. Jose liest sehr gerne Kriminalromane. Alberto fotografiert gerne.

 

Matrose und Maschinist Wilhelm Bossmann - 68 Jahre alt. Deutsch-Holländer. Ehemaliger Maschinenbauingenieur, Chiemseesegelerfahrung. 175 cm groß, sehr schwer, 98 kg, begeisterter Bastler. Verheiratet - vier erwachsene Kinder und drei Enkelkinder. Hat zu Hause eine Sammlung historischer Werkzeuge. In seiner Freizeit baut er aus Holz kleine Schiffsmodelle.

 

Matrose Jan Person 63 Jahre alt. Däne. Ehemaliger Möbelschreiner. Keine Seerfahrung. 178 cm groß, graue Haare, Vollbart, zeitloses Aussehen und nicht verheiratet. Narbe über dem linken Auge. Die nach seiner Aussage von einer Kneipenschlägerei herrührt. Sprachbegabt. Spricht außer Dänisch auch Deutsch, Englisch, Spanisch und ein wenig Polnisch. Hat eine Stimme so laut und dumpf wie ein Nebelhorn und ist immer für einen derben Scherz zu haben. In seiner Freizeit häkelt er gerne Decken. 

 

Bordarzt Dr. Gerrit Brom - 69 Jahre alt. Holländer, auf einem Auge fast blind. Ehemals Chirurg. 181 cm groß, sehr schlank, volles blondes Haar, verheiratet, 2 Kinder. Keine Segel- oder See-Erfahrung. Hobbyarchäologe. Interesse an der Zeit zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert.  

 

Smutje Friedrich Hanssen - 60 Jahre alt, Deutscher und ehemaliger 3 Sternekoch. 172 cm groß, verheiratet, 6 Kinder. War einmal als Feriengast auf einem Kreuzfahrtschiff. Der Daumen und Zeigefinger an der rechten Hand fehlen seit einem Arbeitsunfall mit einem Fisch und er ist herzkrank. Er singt unheimlich gerne und schön....

 

Die Bordchronisten

 

Otto Kraz, 63 Jahre alt, ehemaliger Studiendirektor, also eben Beamter, Pauker- für Physik, Mathematik und Erdkunde, verheiratet, 2 Kinder und eine wachsende Zahl von Enkelkindern. Somit Opa. 172 cm groß, glatt rasierter Schädel, (damit der Denkapparat nicht überhitzt und der Haarausfall modisch versteckt werden kann ) immer etwas unrasiert. Bildungsbürger? Na ja, was ist schon ein Bildungsbürger. Aber sicher. In jeder Statistik als Bildungsbürger auftauchend. Freundliche Stimme, hinter der sich aber die ganze Breite von menschlichen Gefühlen versteckt, eben Pragmatiker. Harmoniebedürftig. Weintrinker. Hang zum Designen von Westen und Accessoires. Gene? Urgroßvater. Der war immerhin angesagter Schneidermeister mit Ladengeschäft und 10 Angestellten. Keinerlei See -Erfahrung. Kennt sich aber im Diercke Atlas wunderbar aus. 

 

Pet Bär, ehemaliger Manager aus dem Logistikbereich. 62 Jahre alt. Verheiratet, 2 Kinder, 174 cm groß, graue lange und doch schon schüttere Haare und einen sich ständig verändernden Bart. Wachsende Zahl von Enkelkindern. Opa. Melancholisch, sehr ernst und trotzdem nach außen bis zur Erschöpfung heiter. Hochanalytisch. Getriebener, Klassifizierung "hyperaktiv". Hochsensibel. Schreibwütiger, Lebenshungriger und Rentner in sportlich seriösem Outfit.

 

 

 

 

 

Die Reise beginnt

 

Tag 1 auf hoher See

 

Zur Plattfußwache um 16.00 Uhr übernahm Jose Piriou  das Ruder von John McDundy. Otto Kraz, Dr. Gerrit Brom und Jan Person fütterten seit Stunden achtern die Fische - mit ihrem Mageninhalt. Sie hatten die Italienische Flagge in ihren Gesichtern gehisst. Grün, Weiß, Rot.

"Sorry, wie bescheuert muss man sein, seinen Diercke Atlas gegen eine Segelyacht einzutauschen, wenn man weiß, dass man extrem leicht seekrank wird. Entschuldigung meine Herren, aber im Moment hinterfrage ich ernsthaft meinen Geisteszustand," meinte gerade Otto Kraz, bevor er sich auf's Neue übergab.

Wobei die Fischfütterung nun nur noch laut aber ohne Inhalt stattfand.

 

Pet Bär - Eintrag im Bordbuch

 

"Natürlich hatten wir alle durch unser Verhalten am Tag vorher die Seekrankheit gefördert. Wenig Schlaf, Alkohol, zu gutes Essen und bei einigen wirkte der allgemeine Abenteuerstress noch zusätzlich als Auslöser für dieses Übel.

Gegen 18.00 Uhr mussten wir Kraz, Brom und Person dann in Ihre Kojen tragen. Vitamin C und Ingwer als Erstversorgung wurde verabreicht. Die drei konnten wohl  nicht entspannt loslassen. Aber das werden sie garantiert noch lernen. Da Dr. Gerrit Brom keine Spritzen setzen kann, um ev. mögliche Medikamente oder auch nur Kochsalzlösung intravenös zu verabreichen, griff der Kapitän zu einem üblen Mittel. Kalte Umschläge auf der Stirn, lauwarme Umschläge um den Leib und eiskalte Umschläge an den Waden. Das und Ingwer sowie der leichte Trunk mit Vitamin C brachte die Drei wieder etwas auf die Beine oder besser gesagt zu einem leichten Bewusstsein."

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Kommentare: 1
  • #1

    gerald (Dienstag, 24 Februar 2015 20:25)

    "Bis zur Erschöpfung heiter" halte ich für eine zu anstrengende Eigenschaft. Lieber Pet, warum darf ein alter Seebär nicht auch mal grätig sein ? Passt doch viel besser zum Seebärenimage und macht locker. Zum Lebenshunger fällt mir nur ein, dass der bei über 60-jährigen Seefahrern mit Sicherheit nicht kleiner ist als bei jungen und im übrigen kann man sich davon sowieso niemals satt essen. Im übrigen gute Geschichte. Bin gespannt auf weitere Etappen.