Kapitel 1

Das rauschende Abschiedsfest bei den Nordstrandpiraten

Im Hafen von Strucklahnungshörn auf der Insel Nordstrand lag die Slup Blauzahn. Ein wahrer Traum von Segelboot. Bereit, trotz des rauen Wetters, am 8. Februar 2015 aus dem Hafen auszulaufen. Diese Slup war das größte Einmastsegelboot der Welt. Mit ihren 85,50 Meter Länge über alles, einer maximalen Breite von 16,2 Metern und einer Masthöhe von 92,3 Meter hatte sie gigantische Ausmaße. Die Segelfläche betrug sage und schreibe 3215 Quadratmeter. Durch die Masthöhe hätten nicht alle Jachthäfen der Welt angefahren werden können, aber eine besondere Konstruktion erlaubte es, dass der Mast auf eine Höhe von 50 Metern verringert werden konnte. Allerdings nicht mit Besegelung. Dafür gab es aber genügend Motorkraft: zwei Dieselmotoren mit je 950 PS.
"Ein Traum" meinte Otto Kraz gedankenversunken. Der ehemalige Studiendirektor für Physik und Geographie, der immer von der Welt geträumt, aber nie aus Europa heraus und nie weiter als zum Nordkap im Norden und nach Neapel im Süden gekommen war, bat seinen Freund Pet Bär, ihn einmal richtig fest in den Arm zu kneifen. "Die Leute halten uns für Träumer. Da haben sie recht. Die Leute halten uns für Fantasten. Das kümmert uns wenig. Aber sag mir, mein Freund: Glauben wir selbst genug an uns, diese Geschichte ein Jahr lang durchzuziehen? Das Schiff ist riesig. Unsere Mannschaft - ja ich glaube an sie. Aber wir selbst? Was meinst du? Werden wir unsere Träume träumen können, wie wir sie uns ausgedacht haben?" Otto Kraz war sehr nachdenklich an diesem letzten Tag.

An diesem Abend vor der Auslaufen wurde im Hafen noch ein wundervoller Abschied gefeiert. Die Mannschaft hatte wie geplant sämtliche Freunde und Verwandte, die dabei sein wollten, zu einem großen Essen eingeladen. 
"Ja, mein Lieber", meinte Pet Bär, ehemaliger Manager aus dem Logistikbereich, der zwar in seinem Leben viele Schiffe über die Weltmeere gelotst hatte, der aber seinen Urlaub mit seiner Familie immer lieber in Süderdeich auf einem Bauernhof als auf den Malediven verbracht hatte, "das ist eine gute Frage. In einem Jahr werde ich dir die Antwort darauf geben können. Aber verlieren, da bin ich überzeugt, können wir nicht. Und falls wir in Mittelamerika aussteigen wollen. Na und? Dann steigen wir eben aus. Wem sind wir Rechenschaft schuldig, außer unserem Sponsor? Aber er hat keine Bedingungen zur Länge unserer Reise gestellt. - So lange wie ihr könnt und wollt - hat er nur gesagt. Wir sind in Rente, Piraten in Rente. Also gut, du als Beamter in Pension. Jeder hat so seinen Makel. Sei's drum.  Auf alle Fälle: Wir sind vogelfrei. Also, lass uns noch ein wenig feiern."
Am Rande des Hafenbeckens auf einer Wiese hatten sie Zelte aufgestellt und ein großes Feuer in die Mitte der kleinen Zeltstadt entfacht. Stilvoll - nur aus Holz, das man an Strand gefunden hatte. Auf dem Feuer wurden zwei Lämmer auf Drehspießen gegrillt. Gewürzt wurde das Lammfleisch mit Kräutern, Meerwasser, Whisky und Pfeffer. Dazu reichte man Stockbrot und Grünkohl. Zu trinken gab es Wasser, Geele Köm oder auch echten Scotch.
"Schlichtes Nordstrandpiraten-Abschiedsessen - 7. Februar 2015" würde über dem Rezept stehen, das Pet im Bordbuch niederschreiben würde. Denn das hatten sich die beiden Freunde, Nordstrandgenießer aus ihren vielen Nordseeurlauben und kommende Weltumsegler vorgenommen: In jedem Hafen ein Piraten-Rezept. "Piratenkost. Leute, ich sage euch", sagte gerade Pet Bär in einer kleinen Ansprache an seine Familie. " Wenn wir in einem Jahr wieder zurück sind, dann bringen wir euch ein Kochbuch mit, das euch von der großen weiten Welt erzählen wird. Versprochen?" Und etwas leiser sagte er dann. „Oder wir sind verhungert.“ Großer Beifall, natürlich. Die beinah 140 Freunde und Verwandte, die es sich nicht nehmen lassen wollten, diesen Piraten-Wahnsinn live mitzuerleben, waren allein von der Größe des Schiffes beeindruckt. Und natürlich fragten sich viele: "Ob ich wohl selbst den Mut hätte, meine Träume so unerschrocken in die Tat umzusetzen, wie diese zehn alten Männer an Bord der Blauzahn.
Serviert wurde alles auf dickem, weißem Porzellan. Der Smutje der Blauzahn, Friedrich Hansen, war hier ganz in seinem Element.  Er zelebrierte jeden Schnitt, mit dem er ein Stück Fleisch aus den gegrillten Körpern herausschnitt, als wäre es eine höchst komplizierte Operation. Jeder Teller, der gefüllt wurde, musste mit Beifall begrüßt werden.  Jedes leere Glas, das man fand, wurde mit der Schiffsglocke angekündigt. Dazu hatte man extra einen Jungen der Insel angestellt, der auf Zuruf die Glocke auf der Blauzahn bedienen musste. Für dreißig Euro die Stunde fand er dann auch, dass dieser Einsatz sich für ihn lohnen würde. 
Trotz der vielen Fackeln und den vor jedem Zelt aufgestellten Feuerkörbe gab es keinerlei ernsthaften Verletzungen.
Zu tun hatte Bordarzt Dr. Brom natürlich trotzdem schon vor dem Auslaufen immer etwas. "Ich bin zwar kein Psychiater, werter Herr, aber ich denke, Sie sollten entweder dringend einen aufsuchen oder selbst ein Schiff chartern, mit dem Sie aufbrechen," sagte er z.B. sehr ernsthaft und nachdrücklich zu dem etwa 66jährigen jüngeren Bruder von Wilhelm Bossmann namens Paul Bossmann, einem vor einem Jahr in Rente gegangenen Bankdirektor, der nach vier Glas Whisky sein Leben plötzlich unendlich langweilig empfand.

Das Ende der Abschiedsfeier und der Anfang auf dem Weg zur Freiheit  

Gegen Mitternacht endete die Feier vollkommen abrupt: "Die Mannschaft muss ins Bett", tönte es aus dem Megafon von Kapitän Lars Larsen. Ich bin verantwortlich für diese Fahrt. Deshalb, liebe Gäste. Umarmen Sie schnell, wen Sie umarmen wollen. Und dann Tschüss. Wir werden uns melden. Wir haben meist Internetkontakt. Wir leben im Jahre 2015. Also weinen Sie nicht. Unser Schiff ist hochseetauglich und wir sind eine gute Mannschaft, auch wenn unser Altersdurchschnitt bei 65,4 liegt." Ja klar, es gab trotzdem viele Tränen und die Umarmungen zogen sich weit über eine Dreiviertelstunde hin. Aber dann sammelte die Mannschaft das Geschirr ein und verfrachtete alles ungewaschen in Drahtkörbe. Diese wurden einfach an der Blauzahn links und rechts der Bordwand im Wasser versenkt. Wie der Smutje meinte: "Das Meerwasser wird alles sauber spülen". Soweit wie möglich sogar beschädigungsfrei. 
Die Feuer wurden gelöscht, die letzten Gäste vertrieben und die Mannschaft legte sich noch für ein paar Stunden in die Kojen. 
Am 8. Februar 2015 um 10.00 Uhr bei Hochwasser verließ die Blauzahn mit Motorkraft den Hafen. Kein Blick zurück. Ja, so manchem der Besatzungsmitglieder fiel auch das Geradeausschauen noch etwas schwer. 
Vorgespült wurde das Geschirr nach 15 Meilen aus dem Wasser gezogen und dem Smutje übergeben. Der packte es dann in die Spülmaschine und das Geschirr wurde nachgereinigt und getrocknet.

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