Kapitel 41

29. März 1216 im Tal hinter der Olsenburg

 

Es dauerte lange, bis Heinrich und Richard kamen. Zwei Ordensleute begleiteten sie. Richard watete über den Bach und befreite die leblosen Körper vom Unrat. "Ja das sind die beiden Männer, die uns gefehlt haben. Beide sind tot. Einer hat zwei Pfeile in der Brust, der andere wurde von einem Armbrustbolzen am Hals getroffen. So wie diese Körper aussehen, sind sie von dort oben heruntergestürzt. Ich wundere mich nur darüber, dass die Pfeile nicht abgebrochen sind. Bei so einem Sturz bleibt kein Knochen ohne Schaden und ein dünner Holzpfeil erst recht nicht. Wir müssen sie bergen und untersuchen." Er gab seinen beiden Mitbrüdern ein paar Anweisungen, kam über den Bach zurück und ging dann schweigend weiter. Otto und die anderen folgten ihm. Als sie das enge Tal verlassen wollten, kamen sie an eine Weggabelung. Ein Pfad ging steil nach oben zu einem kleinen Tor in der Burgmauer. Ein Teil des Weges war zerstört und man konnte nur noch kletternd das Tor erreichen. Der andere Weg ging weg von der Burg in Richtung des Turms. Heinrich kannte alle Wege noch aus seiner Jungend, aber dieser Weg zum Turm war ihm neu. Stand doch hier früher ein kleines Steinhaus, das einem Stollen in den Burgberg verbarg. Der Stollen diente der Wasserversorgung der Burg. Man konnte den Bach umleiten und das Wasser in eine Zisterne weiter unterhalb der Burg in den Berg leiten. Jetzt war das kleine Steinhaus nur noch ein Trümmerhaufen, aber offensichtlich sickerte immer noch Wasser in die Zisterne ein, denn die Wassermengen, die an den Steintrümmern vorbeiliefen, waren weniger  als vor dem Steinhaufen.

 

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Kapitel 40

29. März 1216 im Tal der Gefangenen auf Gotland

 

Simon, Peter, Sasha und der Bürgermeister von Visby nahmen die Verhöre vor. Aber keiner der bisher Verhörten war in der Lage, ihnen sehr viel mehr zu berichten als sie schon wussten. Peter wollte unbedingt erfahren, wer die Kinder Cristina und Jakob von Bärental gefangen genommen und wer ihren Vater ermordet hatte. Er hatte schon am frühen Morgen nach den beiden geschickt. Er wollte unbedingt, dass die Kinder ihm ihre Entführer nannten, sofern die noch lebten oder nicht geflohen waren oder sie erkannt werden konnten.

 

Ihnen kam der Bartholomäus, ein fanatischer irischer Mönch, immer wieder in die Quere. Er wollte unbedingt bei den Verhören dabei sein und forderte dabei die sofortige Entfernung von Weibern bei diesen heiligen Geschäften. Sasha und die anderen „liederlichen Weiber und Dirnen“ aus der Blauzahnsiedlung waren ihm schon immer ein Dorn im Auge. Immer wieder hatte er gegen die Freiheit der Frauen gepredigt und dabei schon einige Herren gegen die weiblichen Bewohner aus der Siedlung aufgebracht. Dass sie teilweise Waffen trugen und dazu auch noch Männerkleidung war in seinen Augen ein Affront gegen die von Gott gewollte Ordnung der Männerwelt. Aber hier auf dem Schlachtfeld drohte nun das Ganze zu eskalieren. Frauen, die für sich in Anspruch nehmen konnten, mit am Sieg dieses Kampfes beteiligt zu sein, das wollte keiner der Herren Zuhörer des Bartholomäus zulassen. Für ihn waren das Hexen. Peter verlor langsam die Geduld mit diesem Hexenjäger. Also musste er für Ruhe sorgen.

 

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Kapitel 39

28. März 1216 in der Olsenburg

 

Heinrich und Richard hatten nicht erwartet, dass sich die ganze Burgbesatzung auf sie stürzen würde, aber da kamen sie, angeritten, gelaufen und alle schreien aus Leibeskräften. Sie waren auf den kleinen Schildwall so konzentriert, dass sie nicht sahen, dass sich eine Pferdelänge vor ihnen auf einmal ein Seil spannte. Fast zwei Mann hoch zog es sich über den Weg von der Burg ins Tal. Die Pferde konnten gerade noch darunter durch, aber die Reiter erwischte es. Heinrichs Konstruktion hielt, was er sich davon versprochen hatte. Die ersten Reiter wurden aus den Sätteln geworfen, die Pferde rannten weiter, sie suchten sich die Lücke am Schildwall und fanden die Freiheit. Die Nachfolgenden Reiter trampelten ihre eigene Leute, die am Boden lagen oder die Pferde wurden von den stürzenden Reitern getroffen. Ein Chaos entstand, das noch durch die zweite Falle Heinrichs vergrößert wurde. Das Seil über den Weg war nicht fest an Bäumen festgebunden, sondern hing in Astgabeln fest und die Enden der Seile waren an Balken festgemacht, die lose auf dem Boden lagen. Die Gewalt, mit der die Reiter gegen die Seile geritten waren, riss die Balken nach oben. Sie flogen den nachfolgenden Reitern und den Söldnern, die zu Fuß folgten, von der Seite in den Weg. Und wieder wurden Pferde, Reiter und Männer zu Fuß zu Boden gerissen. Der Angriff kam ins Stocken. Nun wurden die Angreifer mit Speeren, Pfeilen und Bolzen überschüttet. Kaum war der letzte Pfeil niedergefahren, wurden die Männer von den Ordensleuten angegriffen. Schilde, Schwerter und Beile begannen ihr Werk. Die schon am Boden Liegenden bekamen die Schilde von oben herab zu spüren, die anderen wurden mit den Schlagwaffen attackiert. Es dauerte lange, bis sich die Burgbesatzung gefangen hatte und sich erneut formieren konnte, aber mit dem Mut der Verzweiflung wehrten sie sich. Die Lautstärke einer Schlacht ist gewaltig. Eisen auf Eisen, Schmerzensschreie und Wutgebrüll, wiehernde Pferde und manchmal konnte man sogar einen Befehl hören.

 

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Kapitel 38

27. März 1216 der Landgang auf Gotland

Melanie, Carlo und der ominöse Olovson gingen an Land. Olovson war noch zu schwach, um zu kämpfen und so verzichteten sie auf die Fesseln. Sie wanderten durch eine mit Büschen und niedrigem Holz bewachsenen Landschaft. Immer wieder blieb Olovson stehen, schaute sich um, dachte offensichtlich nach und gab dann die Richtung vor, wie sie zu gehen hatten. Bald sahen sie eine kleine Rauchsäule sehr nahe bei ihnen aufsteigen. Ein Haus oder sonstige Behausungen waren nicht zu sehen, der Rauch schien aus der Erde auf zu steigen. Sie gingen näher auf den Rauch zu und standen unvermittelt vor einer Böschung, die etwas mehr als zwei Mann hoch nach unten ging. Im diesem kleinen Tal stand ein Haus aus Feldsteinen und Holz gebaut. Daneben ein großer Stall, alles war mit einer Dornenhecke und an manchen anderen Stellen mit einem Palisadenzaun umgeben. Man konnte ein paar Ziegen und Schafe sehen und auch das Gackern von Hühnern war zu hören. Die Böschung war zu steil, um einfach hinunter zu steigen. Olovson deutete auf eine Hecke am Rand der Böschung. Dort fanden sie versteckt ein paar Stufen, die nach unten führten.

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Kapitel 37

27. März 1216 im Turm vor der Olsenburg

 

Kurz vor dem Mittag hatten die Späher sie entdeckt. Drei Reiter, zwei Wagen von Ochsen gezogen und zehn Männer zu Fuß. Alle gut bewaffnet, selbst die Treiber und Lenker der Ochsenwagen waren bewaffnet. Heinrich und Richard stellten ihr Männer zusammen. Sie hatten lange geplant und auch das Gelände erkundet. Der Angriff musste so erfolgen, dass die Männer in der Burg sie nicht sehen konnten. Wenn sie im Kampf mit der Verstärkung waren, konnten sie sich nicht auf die Burg konzentrieren. Also schlichen sie über das Plateau hinter dem Turm in Richtung Westen zu dem Hohlweg, den sie für den Angriff herausgesucht hatten. Rechts von dem Weg durch den Wald erhob sich ein kleiner Hügel, den man von dem Weg aus nicht besteigen konnte. Dort wurden die Bogenschützen postiert. Etwas mehr als zweihundert Schritte in Richtung Burg und Turm bildeten die Ordensleute mit Schildern und zwei Holzstämmen, die man über den Weg gelegt hatte, ein Barriere. Niemand durfte die Burg erreichen. Auf der Olsenburg sollten alle daran glauben, dass sie noch Verstärkung bekommen würden.

 

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Kapitel 36

25. März 1216 auf der Ostsee

 

Im Dunst des Nebels waren sie entkommen. Die Knorr lag ruhig da. Sie hatten die Segel nicht gesetzt, damit ihre Silhouette so klein wie möglich war. Offensichtlich waren sie nicht verfolgt worden. Jan hatte das Ruder übernommen. Leicht trieben sie dahin, Jan vermutete, dass sie in Richtung Süden trieben, aber ohne dass er die Himmelskörper sehen konnte, vermutete er das nur. Er kannte die Strömungen auf der Ostsee, aber nun war auch er müde und erschöpft und war zu keinen klaren Gedanken mehr fähig. Carlo und sein Bruder Luigi waren die einzigen Männer, die noch kräftig und wach genug waren, um Jan zu unterstützen.

 

Alle anderen fühlten sich auch so abgekämpft wie sie von den Taten der letzten Tage. Sylvia hatte alle Verletzten - soweit es die einfachen Mittel auf der Knorr zuließen - behandelt. Peters Wunde hatte sie genäht und konnte damit die Blutung stoppen. Aber nun war auch sie so ermattet, dass sie sich an die Bordwand lehnte und sofort einschlief. Die Kälte spürte sie kaum. Peter, der neben ihr an Deck lag, deckte sie in einer Art Dämmerzustand mit seiner Decke zu und beide wärmten sich nun gegenseitig.

 

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Kapitel 35

20. März 1216 in Michelstadt

Richard begann etwas geheimnisvoll leise zu sprechen. Heinrich und Otto mussten sich sehr konzentrieren, um zu verstehen, was Richard ihnen zu berichten hatte. "Mein lieber Heinrich, dein Halbbruder und seine Bastardenfamilie haben sich mit den Braunschweigern verbündet. Wir haben beobachtet, dass schon ein paar Mal Boten aus dem Norden auf der Burg zu Besuch waren. Und was sehr auffällig war, dass mehrere Wagen im Herbst zur Burg unterwegs waren. Von einem der Leute, die deinem Vater noch treu ergeben waren, haben wir erfahren, dass dort Waffen und Nahrung für über dreihundert Kämpfer angesammelt wurden. Was treibt einen Mann, dem es gut geht und der die Sicherheit der Staufer genießen darf dazu, sich mit dem Braunschweiger zu verbünden?" Heinrich musste nicht lange überlegen. "Die Krankheit der Macht. Wer ein klein wenig Macht hat und diese nur halten kann, wenn er sie vergrößert, der muss sich Verbündete suchen, die ihm helfen. Mein Stiefbruder ist schwach, so wurde mir berichtet. Er ist grausam zu den Seinen und eifert einem Vorbild nach, dem er nicht gewachsen ist. Er ist eitel und hat die falschen Ratgeber, er ist sicher nicht dumm, aber man muss schon ein aufrichtiger und kluger Mensch sein, um die Geschäfte von einer Burg und einigen Dörfern richtig zu führen. Mein Vater war eine starker, kluger Ritter. Er machte aus dem Stück Erde, das er hatte, ein kleines Paradies. Niemand musste hungern, die Worte „Gerecht“ und „Gottesfürchtig“ waren an den Toren der Burg mit eisernen Buchstaben angeschlagen. So handelte er auch. Deshalb wurde er auch immer reicher und die seinen damit auch. Der Staufer belohnte ihn mit Land im Osten. Er führte keinen sinnlosen Kriege oder Fehden gegen Nachbarn. Ich weiß von vielen seiner Hörigen, dass sie ihm gerne dienten. Er hatte nur eine Leidenschaft und das waren schöne Frauen.

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