Kapitel 13

9. Januar 2016 Gotland, Blauzahnsiedlung

 

Der Schock über die Neuankömmlinge und darüber, dass Mathias nun verheiratet war, verflog schnell, denn die Aufgaben, die Flüchtlinge aus Schweden aufzunehmen und ein Dach über dem Kopf zu bieten, waren wichtig. Niemand würde bei dieser Kälte im Freien überleben können.  Alle waren überrascht, dass die Neuankömmlinge aus Schweden so viele Vorräte mitgebracht hatten. Das sicherte allen ein einigermaßen sicheres Überleben während der kalten Wochen. Sie hatten Öl mitgebracht, ganze drei Fässer und dann noch Harz und Talg.

 

Die Schwangere aus der Diebessiedlung war mit zwei weiteres Frauen und einem Mann vor zwei Tagen angekommen. Wie zugesagt hatten sie Feuerholz mitgebracht und sogar ein paar Felle. Zudem hatte die Schwangere Brende eine Nachricht ihres weiblichen Jarl mitgebracht. Jarl Gund bot der Blauzahnsiedlung ein Bündnis an und sie bat um deren Beistand. Insgesamt gebot sie gerade mal noch über zwölf Männer, davon waren vier schon nicht mehr in der Lage, eine Sense, geschweige denn einen Knüppel zu halten oder ein Ruder zu bewegen. Und dann gab es da noch einundzwanzig Frauen und zwölf Kinder. Die meisten Frauen waren nun ohne Mann.

 

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Kapitel 12

4. Januar 1216 - Rheden -  lange noch vor der Mittagszeit

 

Constanze von Breitenbach und ihre Tochter saßen auf dem Brett, das ihnen als Bock auf dem Wagen diente, die Zügel in den Händen - Christian saß dahinter. Der Junge hatte das Pferd angespannt und den Wagen beladen. Otto und Heinrich sattelten ihre Pferde und waren auch bald bereit, um ihre Weiterreise anzutreten. Eigentlich wollten sie nach Alvelde weiterziehen, aber die Verbindungen nach Hildesheim und den dortigen Kirchenoberen war einfach zu gefährlich für sie. Also würden sie etwas abseits der verschneiten Wege sich eine Bleibe suchen müssen oder sogar im Freien übernachten. Gandersheim war ihr nächstes Ziel. Es war zwar sehr kalt, aber die Wege schienen frei zu sein, denn ein Händler war kurz vor ihrer Abreise aus Einbeck angekommen - er hatte die Strecke unbeschadet in drei Tagen geschafft.

 

Unbeobachtet verließen sie Rheden und konnten noch eine gewisse Zeit einem freien Weg folgen. Der Herr von Blau hatte ihnen eine sehr genaue Wegbeschreibung gegeben, sodass sie sich trotz der zugeschneiten Wege ihren Pfad finden konnten, der ihnen eine einigermaßen sichere Reise bot.

 

Leider mussten sie schon gegen Mittag eine Pause einlegen, da der Wagen zu oft aus Löchern gezogen werden musste und das Zugpferd erschöpft war. Kaum hatten sie das Pferd ausgespannt, entdeckten sie weit hinter sich auf dem Wege, den sie gekommen waren, zwei Reiter und ein Pferd ohne Reiter. Sie schienen ihnen gefolgt zu sein. Marta und ihre Mutter holten die Bögen vor und legten Pfeile auf, ohne die Bögen zu spannen. Heinrich zog sein Schwert und schob es dann sofort wieder in die Scheide zurück. " Legt die Waffen beiseite, das ist niemand, der uns schaden will. Herr von Blau mit seiner Gemahlin ist das. Ich erkenne ihn und sein Pferd." Als die beiden Reiter noch dreißig Schritte entfernt waren, erkannten auch die anderen den alten Ritter mit seiner jungen Frau. 

 

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Kapitel 11

4. Januar 1216 Rheden am frühen Morgen auf dem Hof von Siegfried von Blau 

Otto und Heinrich schauten nach den Pferden, der junge Christian begleitete sie. Er hatte die ganze Nacht offensichtlich wach gelegen, denn er sah noch sehr müde aus, als er neben Heinrich herging. Heinrich schaute ihn von Kopf bis Fuß an. "Sag mal Junge, hast du keine Schuhe? Du kannst bei dem Wetter nicht barfuß gehen, auch wenn wir uns nur im Haus bewegen und in den Stall gehen." Christian schüttelte den Kopf. "Nein Herr, die Holzschuhe, die ich hatte, sind gestern zu Bruch gegangen, als ich vom Wagen gesprungen bin. Sie waren schon recht alt und passten mir schon lange nicht mehr. Aber ich hatte keine anderen und mit den Lumpen an den Füßen ist einfach schlecht zu laufen."  Heinrich schaute Otto an, der nickte und schnappte sich den Jungen an der Schulter und schob ihn zurück zum Wohnhaus. Er wühlte dort in einem der Packsäcke und reichte dann dem Jungen zwei Lederbündel. "Das sind einfache Schuhe zum Wickeln. Du bist schon sehr große für dein Alter und sie dürften dir gut passen. Es sind alte von mir und ich trage sie eigentlich nur mit mir rum, weil ich vielleicht einmal Ersatzschuhe brauche. Nun brauchst du sie. Ziehe sie an, aber vorher solltest du dir ein paar Lappen um den Fuß wickeln, auch Leder scheuert auf der Haut. Ich schenke sie dir." Christian schaute Otto von Kraz mit großen Augen an und begann zu weinen. "Mir hat noch nie jemand etwas geschenkt. Was muss ich dafür tun." Seine Mutter trat zwischen Otto und ihren Sohn. "Ich dachte Geschenke und Almosen gibt es nur für die Kirche und die Priester? Was verlangt ihr von uns dafür, Herr von Kraz?" Otto war nun doch sehr erstaunt über diese Reaktion, und fast wütend antwortete er. "Ich verlange nichts, gute Frau. Es ist kein Almosen an Christian, es ist ein Geschenk. Ich will keine Gegenleistung dafür, ich hoffe, das versteht ihr."

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Kapitel 10

2. Januar 1216 Blauzahnsiedlung in einer der Scheunen

Judit ging auf Zehenspitzen weiter dem leisen Fiepen entgegen. Dann sah sie es. Hier lag ein großer Hund der gerade seine Jungen zur Welt brachte. Allerdings schien der Hund verletzt zu sein. Seine linke Schulter war blutverkrustet und der Hund tat sich schwer mit der Geburt der Jungen, weil er offensichtlich schwach war. Gret, die auch im Stall war, rief laut auf. "Das ist Wolke, unser Hofhund. Die müssen ihn bei dem Überfall auf unseren Hof verletzt haben, denn seit wir von dort weg sind, habe ich ihn vermisst. Sie war schon trächtig, aber ich ahnte nicht, dass sie uns gefolgt ist und sich hierher gelegt hat? Wir müssen ihr helfen." Die Frauensolidarität kam schnell auf und man brachte der Gebärenden eine Wasserschüssel und als die Jungen offensichtlich alle da waren, kümmerte man sich um die Verletzung. Es sah aus, als ob jemand den Hund mit einem Messer traktiert habe. Die Wunde war nicht tief doch leider sehr groß.

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Kapitel 9

1. Januar 2106 Blauzahnsiedlung in der Vorratsscheuer

 

Jörg zog seinen Umhang etwas enger und ging hinaus. Er schaute durch den Durchgang zur Weide hinaus. "Warum ist das Tor nicht verschlossen?" fragte er eher sich selbst, aber Erik und Julia, die ihm gefolgt waren, hatten ihn trotz der Windgeräusche gut verstanden. "Das Tor sollte geschlossen sein, aber hier kommt niemand durch, weil keiner durch den Bach will und das Tor an der Brücke ist geschlossen." Erik schaute zum Tor an der Brücke, um seine Aussage nun über einen Blick auf das Tor zu bestätigen. Das Tor war offen, das sah man trotz des Schneegestöbers. "Das Tor ist offen, aber dann ist ja immer noch die kleine Mauer, die die Weide abgrenzt und nirgends offen ist. Wie also sollen die Fässer verschwinden?" Lars kratze sich am Bart und dachte nach. Kam aber wie die anderen zu keinem logischen Schluss. "Wir müssen die Mauer abgehen, ob da irgendwo ein Durchlass ist, den wir beim letzten Rundgang übersehen haben. Lasst und die Mäntel holen, es ist einfach zu kalt um ungeschützt weiter hier draußen zu bleiben."  Als sie alle wieder im großen Haus waren, sprach Birgit Lars an. "Wir sind bestohlen worden? Wie kann das passieren?" Lars berichtete ihr alles haarklein und stellte zum Schluss noch die Frage, wer denn die Örtlichkeiten, wo die Vorräte stehen, kenne?

 

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Kapitel 8

1. Januar 1216 Hildesheim

 

Otto von Kraz und sein Begleiter Heinrich waren seit einer Stunde in Hildesheim unterwegs. Die eisige Kälte hatte den Schlamm und Dreck in den Straßen gefrieren lassen und fast alle Arbeiten an Stadt und Mauer waren eingestellt worden. Nur die Dombaumeister wollten die angelieferten Steine für die Steinmetze von den Karren lassen. Ottos und Heinrichs Vermieter, der sich selbst Carl nannte und sein neunjähriger Sohn Christian waren auf der Baustelle.

 

Ein paar kleine Feuer waren auf der Baustelle entzündet worden, damit man sich die Hände immer wieder aufwärmen konnte, das Holz dafür hatten die Tagelöhner gesammelt. Christian war für das Feuer verantwortlich. Immer wieder begab er sich rund um den Bauplatz  auf die Suche nach Brennbarem.

 

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Kapitel 7

Otto von Kraz  31. Dezember 1215 in Hildesheim

 

Nachdem er nun schon einige Wochen mit einem Begleiter des Deutschen Ordens, den ihm Claus von Olsen zur Verfügung gestellt hatte, unterwegs war, wollte er ein paar Tage in dieser Stadt verbringen. Leider waren alle Herbergen besetzt und er und sein Begleiter fanden Unterkunft außerhalb der neuen Stadtmauer in einer Hütte. Die Hütte gehörte einem Tagelöhner, der beim Bau des Doms gerade arbeiten durfte. Die Münzen, die er für die Übernachtungen bekam, würden ihm und seiner Familie helfen, in diesen harten Zeiten ihr Überleben etwas länger zu sichern. Die Stadtherren und die Kirchenmänner waren Tagelöhnern nicht gerade sehr zugetan und wollten, dass sie für einen Krumen Brot arbeiten sollten. Tagelöhner und ihre Familien waren nicht mehr wert als ein Stein in der Mauer. Man brauchte sie, aber man achtete sie nicht. 

 

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